Bild: LePaien_Kunst, Art, Architecture, Architektur, Städtebau, Architekturphotographie

 

Thomas Demands Atelier liegt in Berlin, in der Naehe des neuen Hauptbahnhofs.

Er traegt eine große Stirn. Wenn ein Foto aus einer Zeitung den Kuenstler Demand besonders fasziniert, dann baut er es in seinem Atelier nach. In Originalgroeße.

Aus Papier. Dann fotografiert er die Papierskulptur auf lebensgroßem Format und schmeißt sie weg. Ersteres ist das eigentliche Werk.

 

Demand verzichtet auf saemtliche Figuren und erzaehlerische Details, die nichts mit der Raumbildung an sich zu tun haben. So heißt eine Reproduktion auch einfach nur Badezimmer. Zum Beispiel das Bild, das den toten Politiker Uwe Barschel 1997 in der Badewanne eines Genfer Hotels zeigt - bei Demand ist das Badezimmer aus Papier.

Und in der Badewanne liegt - niemand.

Sofort erkennt man darin das Pressebild wieder, das 1987 mit der Todesnachricht auf allen Blaettern und Bildschirmen zu sehen war. Die truegerische Aehnlichkeit der Kunst mit dem Original soll skeptisch stimmen, aufmerksam machen und Fragen wecken. Waren damals die Pressefotos, die um den Globus gingen, echte Zeugen, oder wurde auch bei ihnen ein bisschen nachgeholfen, ja wurden sie vielleicht gar nachgestellt?

 

Das ist typisch für Demand: Er beschaeftigt sich mit einst brisanten Themen, die wieder aus den Schlagzeilen verdraengt wurden, mit Bildern, die im kollektiven Unterbewusstsein gaeren, mit den Akten, deren Deckel sich nicht endgueltig schließen lassen wollen. Barschels Tod, Lady Dianas Unfall oder Nigergate - um alle drei Ereignisse ranken sich Verschwoerungstheorien. Bei Demand liegt die Gesellschaft auf der Couch, um nicht bewaeltigte Traumata noch einmal zu reflektieren.

Warum bloß dieses Rezept? Die Antwort hat mit dem besonderen Geschmack seiner Kunst zu tun: Die Photos von gleichsam anonym wie vertraut wirkenden Orten irritieren den Betrachter. Das liegt an ihrer sterilen Kuenstlichkeit. Der Abwesenheit von Staub, Schriftzuegen, Menschen. Darin liegt die Wuerze. Wuerde Demand die Realitaet ablichten, waere das Dokumentarfotografie.

Beim Anblick der Pappwelten reflektiert der Betrachter dagegen die Konstruiertheit des Bildes und denkt gleichzeitig auch noch über die Konstruiertheit und die Funktion des originalen Zeitungsbildes nach.

Thomas Demand ist wie ein Jongleur, der mehrere Fragen an die Gesellschaft gleichzeitig in der Luft haelt. Nur Antworten will er nicht liefern. Die hat er auch gar nicht. Er bezoege Informationen ja auch nur aus den Medien, sagt er: "Ich habe zur Wahrheitsfindung im Grunde nichts beizutragen. [...] Eigentlich ist meine Kunst ein komplettes Nichtgeheimnis. Alles, was Sie sehen, können Sie selber machen", sagt der Mann.

 

Mithilfe der populären Basteltechnik versucht er, eine Kunst zu schaffen, die für jedermann zugaenglich ist. Ueberlegungen zur Wirkung seiner Photos auf den Betrachter sind für ihn "reine Spekulation". Dabei fuehlt er sich auch nicht als Photograph, nicht als Modellbauer. Am ehesten als Reproduzent.

"Wenn man das Politische nicht als Parteipolitik, sondern unter anderem auch als Verantwortung für den Umgang mit Informationen begreift, dann sind meine Bilder natürlich schon politisch", sagt der Mann. Ein verantwortlicher Umgang mit Information hat bei ihm viel mit kritischem Hinterfragen zu tun.

 

Demand ist uebrigens weltweit ein Star der Kunst.

 

 

Oldenburg | 2009