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Carlo Calderan und er Alpitecture-Code. Carlo Calderan wurde 1965 in Brixen, Südtirol geboren. Er studierte von 1984 bis 1994 Architektur an der IUAV in Venedig und trat 1995 der Architektenkammer Suedtirol bei.

Nach der Taetigkeit als  Architekt in Berliner Bueros, sowie als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Technischen Universitaet Berlin, gruendete er 2001 in Basel CCP Architekten und schließlich CEZ Architekten, 2004, in Bozen, der Landeshauptstadt der autonomen Provinz Suedtirol. 

 

Zwischen mediterranem und alpinem Raum, zwischen Bestaendigkeit und Intuition sowie zwischen Natur und Kultur liegt Suedtirol in der Mitte der Ost- und Westalpen.

Suedtirol ist gepraegt von seiner wechselvollen Geschichte. Ueber Jahrhunderte hinweg hinterließ der hiesige Adel eine von unzaehligen Burgen, Schloessern und Ansitzen markierte Baukultur. Die etlichen Kapellen, Kirchen und Kloester im romanischen, gotischen und barocken Baustil zeugen von einer stark roemisch-katholisch gepraegten Gesellschaft.

Über den Anschluss an Italien erhielt die Suedtiroler Baukultur wachsenden Einfluss aus dem italienischen Rationalismus der 1930er Jahre, welcher gepraegt war von geometrischen Formen, Funktionalitaet und Monumentalitaet.

Heute bestimmen international taetige Architekten und interdisziplinaere Fachleute den Dialog in Forschung und Gesellschaft. Sie positionieren ideale Umgangsformen um mit dem Vorhandenen, der Natur, dem alpinen Lebensraum, der Kultur sowie dem architektonischen Umfeld in einer angemessenen Partizipation gerecht zu werden. Aufgrund dessen werden, in Verbindung zukunftsfaehiger Technologien, innovative Modelle für das Handeln mit der historischen Baukultur und dem zeitgenoessischem Verlangen alpiner Architektur in Suedtirol erschaffen.

  

Eine zeitgenoessisch maßgebende Position des Diskurses vertritt der Architekt Carlo Calderan mit Alpitecture. Das architektonische Entwerfen in den Alpen, wo nur 6% der Landesflaeche bebaubar ist, hat seine eigenen Bedingungen, dessen maßgebende Parameter - die Alpenlandschaft, Technik und Architektur - laut Carlo Calderan in enger Wechselbeziehung stehen und eine charakteristische Architektursprache entstehen lassen. Mit der Sprache der Alpitecture thematisiert Calderan die gegenwaaertigen Positionen.

Genauer bezeichnet sich Alpitecture durch die Verschmelzung der englischen Woerter alps, technologies und architecture. Die Stichwortschoepfung vertextlicht die drei Themen synonym und verdeutlicht ihr somit hohes Synergiepotential.

Alpitecture als fortschrittliche Stroemung ist angeregt von ap35, einem Marketingunternehmen und initiiert von EOS. Der Export Organisation Suedtirol, der Handelskammer Bozen – und wird getragen durch Unternehmen in Suedtirol.

 

Da Architekten seit einigen Jahren auch zunehmend außerhalb ihrer Heimatregion taetig sind, ist Architekturexport in aller Munde. Wenn sich die Anforderungen der Bauaufgabe nicht wesentlich von den bekannten unterscheiden, spielt es offenbar keine Rolle mehr, ob das Bauwerk in Oesterreich, Italien, Deutschland oder der Schweiz errichtet wird. Jedoch hat  jedes Land und jede Region eine historisch gewachsene Tradition, die zum einen im Umgang der Menschen miteinander und zum anderen in den handwerklich erzeugten Produkten sichtbar wird. Realisieren Architekten grenzuebergreifend Projekte und setzen sie sich gegen die beheimatete Konkurrenz durch, haben ihre Entwicklungen ueberzeugt. Die Bevoelkerung fragt sich, ob Architekten vor Ort nicht gleichwertige Leistungen erbringen koennen. Aufgrund der Vielzahl an internationalen Star-Architekturimporten stellt sich die Frage nach den modernen Aufgaben alpiner Architektur.

Bewusstes Gestalten und Planen von Architektur bedeutet nachhaltig auf sozialen, oekologischen und oekonomischen Parametern Verantwortung zu uebernehmen und diese mit den Gegebenheiten, den kulturellen und nauerlichen Ressourcen, angemessen in Verbindung zu setzten.

 

Aufgrund ausgepraegter Topografie erfordert neue Architektur im Suedtiroler Raum vielfaeltige Erschließungsloesungen wie Tunnel, Bruecken und Seilbahnen, sowie eine hohe Qualitaet in der Bauausführung aufgrund extremer klimatischer Bedingungen. Architekten muessen sich der lange vernachlaessigten Aufgabe stellen, oeffentliche Raeume und Flaechen zu bilden. Das Schaffen von temporaerem Wohnraum für den umstrittenen, doch unverzichtbaren Tourismus steht im Konflikt mit dem Image der Alpen als eine natuerliche Idylle. Um Kultur zu wahren erfordert es laut Carlo Calderan balanceartige Schritte von der Romantik zur Sachlichkeit. Diese Sinnlichkeit ist notwendig um einen verlaesslichen, professionellen Umgang mit alpiner Architektur zu erreichen. Die entwickelten Loesungen dieser Problematik haben zu einem regelrechten Boom des alpinen Architekturtourismus gefuehrt, welche das mikrokosmische Alm-romantische um ein weltoffenes und fortschrittliches Image Suedtirols bereichert.

In dem Periodikum Turrisbabel der Suedtiroler Architekturstiftung reflektiert Carlo Calderan als Chefredakteur regelmaeßig die Situation der zeitgenoessischen Suedtiroler Architektur und hinterfragt, was genau diese ausmacht, was sie unterscheidet von anderen Architekturformen und ob eine spezielle Suedtiroler Architektur notwendig ist: „Man koennte dieses Thema nur als Vorwand sehen, um der Architektur eine eigenstaendige Rolle zuzuweisen in der Frage, worin sich denn eine typisch Suedtiroler Auspraegung definiere. Dies entspraeche der allgemeinen Identitaetskrise hierzulande. Aber es gab in den letzten Jahren zahlreiche Publikationen, Preise und Ausstellungen, in denen hervorragende Beispiele Suedtiroler Architektur ausgewaehlt wurden und durch die unsere Art, die gebaute Umwelt zu verändern, einen sichtbaren Wiedererkennungswert erhalten hat.

 

Calderan spricht hierbei von modernen Architekturbeispielen, nicht als „importierte Mode“ sondern als „Ausdruck lokaler Kultur“. Zudem wird in Calderans Publikationen die Schwierigkeit thematisiert, im Bezug auf Suedtiroler Architektur von einer gemeinsamen Schule zu sprechen. Er hinterfragt: „Was verbindet also – abgesehen von der räumlich-geografischen Nähe – all diese Bauwerke?

Laut Calderan handelt es sich bei der meltingpot-artigen Durchmischung der angewandten Erfahrungen und Kenntnisse um territoriales importieren und uebertragen. Eine temporaere Zusammenarbeit von Buendnissen deutet auf einen kommunikativen Austausch der Architektursprachen der unterschiedlichen Fakultaeten, an denen die Fachleute studiert haben.

Matteo Scagnol positioniert sich zur Suedtiroler Architektur ebenfalls in die Naehe Calderans, und verdeutlicht die gemeinsamen Schnittmengen regionaler Fachleute: „Aus diesem kollektiven Zeichensaal stechen […] einzelne architektonische Haltungen hervor, die von allen geteilt werden; sie bilden ein Regelwerk, das ständig neu geschaffen wird. Eine historisch gewachsene Neigung, Dialekt zu sprechen.

Dialekt ist hierbei nicht eine mundartliche Architektur, sondern eine kollektive Haltung.

Carlo Calderan unterstreicht zudem, dass die regionale Landschaft besonders sei, sich jedoch in einigen Teilen deutlicher aeußert: „Die Natur scheint hier unbezaehmbar, sie will staendig gefallen und verblueffen zu gleich, sie ist zu vielfaeltig und zu farbenpraechtig, als dass sie reduziert werden könnte. Sie ist gepraegt vom Ueberfluss, sie kennt kein Maß. Die Architektur in Suedtirol liebt das Volle, das Gewicht, die Mauer. Kuenstlichen und geruchlosen Materialien zieht sie jene vor, die imstande sind, den eigenen Entstehungsprozess zu offenbaren.

 

Bei einem Wettbewerb um Schutzhuetten mit ausschließlich Suedtiroler Architekten verdeutlicht sich ein Leitmotiv: gestalterische Qualitaet entsteht dort, wo sich moderne Architektur durch territoriale Materialien mit der alpinen Landschaft verbindet und den Ort, entweder progressiv und im Kontrast oder traditionell und zurückhaltend, zwischen Spannung und Angemessenheit modifiziert. Unterschiede zeigen sich bei der Handhabung, eine Schutzhuette weniger konventionell und als Schutzunterkunft für Extremsituationen einer Wanderschaft gestalten zu müssen, sondern als Berghuette und Touristenmagnet in der Alpenlandschaft.

Carlo Calderan interpretiert für eine solche Bauaufgabe die konventionelle Weise einer Schutzhuette und fuehrt mit seinem Entwurf den Ankommenden durch eine traditionelle, spirale Art der Erschließung zu einem Blick in die alpinen Weiten.

Die Berghuette zeigt sich in zeitgenoessischer Ästhetik und mit hoelzerner Innenarchitektur wie ein modernes Erlebnis - eine Offenbarung des Sehens - denn Calderan hat die Blickbeziehung zu den Alpen bewusst als die Schoenheit des Panoramas thematisiert. Laut Calderan waere es undenkbar, die Alpenlandschaft zu ignorieren. Die Fenster fungieren als „Theaterloge des dramatischen Blicks“ und stellen somit durch den Aspekt des Sehens den oertlichen Bezug her. Um diese Beziehung zu beschreiben nutzt er bewusst Woerter, wie „Kraft“ oder „Inszenierung“. Die Verbindung von Tradition und Moderne scheint durch Einbringen und in Bezug stellen gelungen, so dass die Qualitaet des Objekts davon profitiert und sich als innovative Architektur darstellt.

 

Neben der Neuinterpretation konventioneller Bauten bringt der Strukturwandel gaenzlich neue Aufgabenfelder in die Alpen. Calderan vertritt hierbei mit einem Modell für eine Tiefgarage im städtebaeulichen Zentrum die konsequente Haltung, dass die Alpen, auch bei dieser unterirdischen Bauaufgabe, unweigerlich die oertliche Beziehung darstellen. Weiter noch, ein unverzichtbares Image welches der Identifikation dient. Es geht darum, das lange staedtebaulich vernachlaessigte Zentrum von Autos zu befreien. Durch die Lage am Hang wird es moeglich, nicht nur den funktionalen Raum für diese Aufgabe zu schaffen, mehr noch; eine oertliche Qualitaet.

Durch riesige Blicktunnel erscheint uns die alpine Landschaft in die Tiefgarage projiziert. Durch den Blick in das Bergige wird die sonst so typische Dunkelheit vom Licht erfuellt, als waeren wir im schuetzenden Inneren eines Berges. Der Architekt schafft mit der Tiefgarage im Zentrum einen Ort des Einpraegens und Vernetzens, denn wie so oft zaehlen der erste und der letzte Eindruck.

 

Ende 2012 wurden schließlich für die Konferenz alpitecture code 4-13 31 international taetige Architekten nach Meran eingeladen, um sich mit den spezifischen Anforderungen von Bauaufgaben im alpinen Raum auseinander zu setzen.

Das im Anschluss an diese Konferenz die von CEZ-Architekten entworfene Grundschule in Sterzing besucht wurde, verdeutlicht den Einfluss Calderans in Bezug auf suedtiroler Architektur. Für die Umsetzung erhielt das Buero Calderan & Zanovello 2011 den Architekturpreis sowie den Preis für Kunst am Bau. 10 Jahre zuvor gewannen CEZ-Architekten den Wettbewerb für die Dr.Josef Rampold-Schule in Sterzing, nachdem die international besetzte Jury zuvor 108 eingereichte Arbeiten begutachtete.

Die Grundschule traegt den Namen eines bekannten suedtiroler Heimatforschers, der suedlich der Einrichtung auf einem Friedhof begraben liegt. In unmittelbarer Naehe befinden sich außerdem die Pfarrkirche des Ortes sowie ein kuerzlich errichtetes Wohngebiet im Osten und Norden des Baugrundstuecks. Die Hanglage hat einen sehr niedrigen Grundwasserspiegel zur Folge. CEZ-Architekten entwickeln für diese Bedingung einen lang gestreckten Betonkoerper, der sich dem Hang entlang erstreckt, sich ueber einen Steg erschließen laesst und mit einem floßartigen Sockel auf dem morastigem Wiesengrund vor der Pfarrkirche seinen Platz einnimmt. Betrachter koennen die umliegenden Gruenflaechen als Wasserflaechen verstehen. CEZ-Architekten arbeiten mit einer urbanen Architektursprache, wobei der Block im Detail aufgelockert wird. Der Sockel ist sichtbar und verstaerkt somit die Wirkung eines Solitaers. Ein bewusstes Arbeiten mit Schwerkraft und oertlicher Gegebenheit wird deutlich, auf jegliche Hervorhebung gegenueber der Pfarrkirche wird verzichtet.

Da eine auf die Laenge definierte Einrichtung dieser Groeße für die Umgebung ueberdimensioniert erscheinen kann kombinieren CEZ-Architekten diese mit der natuerlichen Materialitaet einer Baumstamm-Fassade. Ob sich in der Folge das entworfene Volumen mit den dominanten Alpen kontextuiert oder kontrastiert scheint in dem oeffentlichen Diskurs um die Architektur eine der offenen Fragen zu sein.

Mit dem Entwurf wird die grundlegende Problematik der örtlichen Entwaesserung des Sumpfgebietes erkannt und mit dem Einsatz eines einfachen Sockels behoben.

So gelingt CEZ-Architekten ein Umgang mit den wesentlichen Gegebenheiten des Ortes, welcher laut Calderan zum Gewinn des Wettbewerbs fuehrte.

 

Beim Durchschreiten werden dem Besucher auf der Laenge des Gebaeudes immer neue Erlebnisse offenbart. Zwischen den unterschiedlich definierten Räumen werden Blickbezuege initiiert. Eine klare, schuetzende Innenarchitektur birgt das paedagogische System im wohl ueberlegten flaechigen Farbkonzept. So schaffen Raeumlichkeiten Momente. Ein bewusstes Nutzen von Licht und Schatten lässt die Architektur weit und leicht wirken. Bei einem Blick durch die Fenster nach Draußen nimmt man die Baumstaemme der Fassade wahr. Dies entwickelt eine beruhigende Stimmung und eine raumliche Wirkung, als stehen man im schuetzenden Wald.

 

Die Analysen fuehren zu der Erkenntnis, dass alpine Architektur mehr ist als vergangene Idylle, oder touristische Hoehenarchitektur. So nimmt Carlo Calderan als schaffender Architekt und schreibender Redakteur eine wichtige zeitgenoessische Position ein und ist darueber hinaus maßgeblich an der Imagebildung des alpinen Raumes beteiligt. Laut Calderan ist der Umgang mit alpiner Architektur spezifisch aber nicht besonders. Allgemein gilt, die Thematisierung des Ortes, der Kultur und Natur, noch spezifischer seiner Topografie, seiner Tradition und den technischen Moeglichkeiten der Baukonstruktion, sodass man von einer Alpitecture sprechen kann. Carlo Calderan sagt selbst: „Alpine Architektur sollte anders sein als die staedtische, obwohl sich die Anforderungen hier ebenfalls weiterentwickeln, die örtliche Basis aber eine andere ist.“

  

 

 Leipzig | 151212