Bild: LePaien_Kunst, Art, Architecture, Architektur, Städtebau, Architekturphotographie

 

 

„Mir geht es um  Eigenschaften

 

gebauter und bebauter Raeume

 

und diese zu visualisieren“

 

 

 -       Annette Kisling, Photographin

 

 

         

Entschleunigt haben die Minuten mehr Zeit.

 

Wir erblicken Ausschnitte einer duesteren Sequenz, einer menschenleeren Kulisse irgendwo in der urbanen Nacht. Fast alle Fenster, die wir sehen, in die wir spaehen koennten, sind verhaengt, verschlossen, vergittert, sind verbarrikadiert und verwehren uns schlieszlich den Blick in das Innere.

So scheint es, dass wir nichts sehen, auszer Blickbarriere.

 

„Sehen, so lernen wir hier, […] ist blind sein fuer das Nichts dahinter.“, resuemiert Stephan Ripplinger folgerichtig.

 

Nur nackte Fassade wie sie ist: makelhaft, unzugaenglich, gefroren und stumm. Apathisch blicken die leeren Fensteraugen zurueck auf uns. Neben angerissenen Plakaten und heruntergelassenen Rolllaeden haben anonyme Graffiti-Autoren ihre Haut als Papier genutzt. Diese Zeichen der Illegalitaet zeugen uns vom wenigen Freiraum in den Metropolen und wir begreifen: in erster Linie wird uns verborgen und in zweiter jedoch erhalten wir Einblick durch das Lesen der Schichtungen in den Geflechten.

 

In diesem Nachtmoment steht die Welt stiller als sonst und so haben wir Zeit fuer den Augenblick.

 

Was ist hier passiert? Was wird hier passieren? Und wo ist eigentlich hier? Fragen bleiben offen. Leer aber lebendig, beruhigt aber spannend, dabei ausschnitthaft, aber immer ausgeglichen. Wir erkennen: nirgendwo erklaert sich der Raum definiert, so scheint er als eine endlose Kulisse raeumlich exakt arrangiert. Trotz stiller Erwartung herrscht die Gewissheit, dass schauspielende Akteure hier nicht erscheinen werden und dennoch spricht diese schwarz-weiße Sequenz fuer sich.

 

„Einer der Orte, die mich besonders in Rotterdam eingenommen haben, ist die Hoogstraat im Zentrum der Stadt. Ich habe die Hoogstraat 2002 gleich zu Beginn meines Aufenthaltes als lebendige, aber auch etwas heruntergekommene Einkaufsstraße kennengelernt“, erlaeutert Annette Kisling.

 

Sie verbrachte 12 Monate in dieser „Stadt von Bruechen“, wie sie Rotterdam aufgrund der staedtebaulichen Vielfalt nennt und es wird deutlich, dass sie ihr Stipendium der Hessischen Kulturstiftung tiefgruendig genutzt hat.

 

„Die Bauweise der zum groeszten Teil zweigeschossigen Gebaeude ist charakteristisch fuer die Architektur des Wiederaufbaus von Rotterdam in den 50er Jahren.“, fasst Annette Kisling retrospektiv ihre Wahrnehmung der urbanen Situationen Rotterdams zusammen und erlaeutert: „Diese Strasze [in der Hoogstraat - Anm.d.Verf]. bekommt im verlassenen Zustand eine andere Identitaet. Wichtig ist mir, diese zu beschreiben.“

 

Diese zweite Identitaet interpretiert die vermeintliche Regisseurin mit der Kamera als wesentliches Elementsystem ihrer Szenografie: Diese Architekturen vermitteln ein groszstaedtisches Image. Dafuer greift die Kuenstlerin in ihrer Serie Hoogstraat bewusst nach Verkaufsschluss verlassene Ladenfronten auf. Dieses haelt sie nicht wie man vielleicht vermuten koennte mit der Filmkamera fest, sondern in klaren schwarz/weißen Fotografien. Annette Kisling ist Fotografin.

 

„Mein letzter Besuch in Rotterdam 2008 liegt nun mehr als drei Jahre zurueck. Ich habe erfahren, dass die Hoogstraat 2009 saniert wurde. Nicht nur das sollte ein Anlass fuer mich sein, Rotterdam ein weiteres Mal zu besuchen“

 

Annette Kisling wurde 1965 in Kassel geboren. Sie studierte von 1985 bis 1993 Visuelle Kommunikation an der Hochschule fuer Bildende Kuenste in Kassel, an der Hochschule fuer Gestaltung in Offenbach und an der Hochschule fuer bildende Kuenste in Hamburg. 1995 machte sie schließlich in der Hansestadt ihren Meisterschuelerabschluss. Zahlreiche Stipendien sowie Arbeitsaufenthalte fuehrten sie ins Ausland, neben Rotterdam nach Zuerich, Paris, Venedig und nach Marfa in Texas. Kisling lebt und arbeitet seit 1993 in Berlin.

2009 ereilte sie schlieszlich ein Ruf an die Hochschule fuer Grafik und Buchkunst in Leipzig und uebernahm zum 1. November desselben Jahres die Professur fuer Fotografie. Sie lehrt und untersucht im Wintersemester 2012/2013 zeitgenoessische Positionen ueber Architektur in Fotografie und Film unter dem Titel „das Auszen, von Auszen gesehen”, und entpuppt sich damit nicht nur als Vermittlerin, sondern vor allem als eine staendige und professionelle Studentin des eigenen kuenstlerischen Schaffens.In ihren Seminaren geht es also nicht vordergruendig um Architekturfotografie, „sondern viel mehr um das Bild und die Wiedergabe von Architektur, darum, wie abgebildete, wiedergegebene Architektur zum wesentlichen Bestandteil einer moeglichen Auffassung oder Behauptung wird. Dabei stellen sich Fragen nach der Repraesentation, der Identitaet oder der Identifikation durch und mit Architektur.“   

Die Galerie Kamm schreibt, in der Serie Hoogstraat von 2005 fotografiert Annette Kisling „mit aeuszerster Klarheit unklare Dinge“ . 11teilig auf Pigment Piezo Prints a 42 x 32 cm, veroeffentlicht sie ihre Wahrnehmung von entorteten Stadtraeumen, oder „Zwischenmomente“, wie sie selbst es nennt. Sie definiert diese in ihrer wirkenden Irritation, da es uns trotz aller architektonischen Ordnungsprinzipien nicht gelingen wird, das abgebildete Stillleben zu orten oder zuzuordnen. Wenn wir diese Bilder betrachten erscheint uns nirgendwo der Raum als ein ganzer oder identifizierbarer. Auch die umgebende Zeit wirkt nicht draengend oder definierbar. So wenn wir fuer gewoehnlich eine Stadt fragmentarisch vermoegen zu lesen, fotografiert Annette Kisling in meinen Augen, mit meinen Worten mit aeuszerster Schaerfe unscharfe Aeuszerungen. Dokumentarische Informationenscheinen uns zu fehlen uns und so stellt sich die Frage was und wohin Annette Kisling uns vermitteln moechte.

 

Obwohl Kislings urbane Abbildungen am Beispiel der Hoogstraat auf mich zuerst weltlich wirken, bringen mich die Eigenschaften dieser dazu sie mit der existenziellen Philosophie in Verbindung zu bringen. So geht es nur vordergruendig um die Stadtlandschaften die wir als Subjekt wahrnehmen und uns ihrer ausgesetzt fuehlen, sondern sehr viel grundlegender werde ich zu den physikalischen  Existenzen von Zeit und Raum gefuehrt. Auf der Suche nach ihren Grenzen.

 

Physikalisch gesehen ist der Stoff aus dem der Kosmos gemacht ist, Raum anteilig Materie, dessen Prozesse die  Zeit bedingt. Wenn wir der Materie die Prozesse durch Stillstand entziehen, verliert sich die Zeit. Wenn wir dem Raum die Materie entziehen, existiert leerer Raum.

Dazu faellt mir Sir Isaac Newton ein. Dieser stellte sich den physikalisch existierenden leeren Raum als eine Art Theaterbuehne vor. Erst die fuellende Kulisse bildet die Materie und die handelnden Akteure  versinnbildlichen die  Prozesse der Zeit.  Vorstellbar betrachtete er von einer Metaebene, einer Loge die Buehne auf der das Drama des Universums aufgefuehrt wird.

 

Annette Kisling deutet Raum; inszeniert die Kulisse, verzichtet auf die Akteure; die Darstellung der Zeit. Kisling ist als visuelle Chirurgin vor allem auf Licht angewiesen. Sie sammelt es. Ihr Werkzeug arbeitet mit langen Belichtungszeiten um messerscharf wirkende Schwarz- und Weißflaechen nebeneinander zu schneiden. Diese Anatomie des Teilens bewirkt proportionale Synergien - wie den goldenen Schnitt - dessen Harmonie unsere Augen zum Verweilen einlaedt. Mit Licht komponiert Kisling innerhalb der ausschnitthaften Architekturen bewusst und unbewusst pathetisch im Sinne Arthur Schopenhauers gefrorener Musik. Auch Le Corbusier zieht den Vergleich noch deutlicher und schreibt „Musik ist Zeit und Raum, wie Architektur.“

Als Betrachter von Kislings Werk sind wie also die, einer Inszenierung. 

Dem Licht misst Newton bei der Inszenierung des Raumes zu wenig Bedeutung an, doch Albert Einstein erkennt das Wesen des Lichts. Wir wissen seit Einstein - physikalisch gesehen - ist jener unsichtbare Raum durch Gravitation gekruemmt und koennten wir diesen Raum komplett kreisen, waeren durchaus annehmbar auch  Zeitreisen moeglich, da Raum und Zeit durch die Lichtgeschwindigkeit [299.792.458 m/s] messbar, eine Einheit bilden. In diesem Zusammenhang spricht die Physik von Raumzeit. Kisling nennt diese Verbindung des zeitraeumlichen, auf welches sie initiiert, Zwischenmomente und beschreibt mit Les Vitrines eine Art Zeitreise. Erlaeutern moechte ich diese Interpretation im spaeteren Verlauf.

 

Ich moechte an dieser Stelle festhalten, dass Kisling als Fotografin nicht die unsichtbare wissenschaftliche Erkenntnis von Zeit und Raum versucht dazustellen, sondern einen subjektiv wahrnehmbaren Raum abbildet und in der Folge doch den ersteren grundlegend, indem sie uns mit seinen Eigenschaften konfrontiert, thematisiert. 

 

Im Alltag, zwischen den Mauern, lesen wir in unserer Umwelt die Punkte und Grenzen der Zeit. Bewusst beispielsweise anhand von Uhren und Kalendern, sekundaer durch natuerliche und kulturelle Prozesse, wie dem Stand der Sonne, Jahreszeiten oder verschiedene Schichtungen an Gebaeuden die in Zeitspruengen produziert wurden.

Die subjektive Erkennung  eines angedeuteten Raumes hat auszerhalb sichtbarer Grenzen viel mit eigener Imaginationskraft und Erfahrung zu tun. Oft folgen wir dabei einer geometrischen Logik. Eine Kiste von auszen betrachtet, erleuchtet uns oft auch das Innere. In Stadtraeumen glauben wir meist aus verschiedenster Erfahrung von Parallelstraßen zu wissen ohne diese jemals betreten zu haben. Wir lesen die Stadt und finden uns anhand von Hinweisen und Zuordnungen, wie bestimmten Architekturen oder Images in den Gittern und Grenzen zurecht.

 

Doch in der Welt in die Annette Kisling uns fuehrt, ist das alles anders. Raum und Zeit koennen wir nicht lesen und so fuehle ich mich aehnlich wie Issac Newton vor 350 Jahren einem enthafteten Ort, einer inszenierten Kulisse, einer Metaebene ausgesetzt. Ich sehe nur Tageslicht oder die Nacht und Teile eines schwer identifizierbaren, wohl westlichen, Kulturraumes. Zeitraeumliche Indizien suchen wir vergebens.

 

Hier, neben dem Englaender im Logensitz versunken stellt sich mir die Frage, ob diese Gedankenreise  die Wirkungsabsicht der Fotografin war. Nicht? Diese Bilder sehen nuechtern aus und haben doch eine stark inspirierende Wirkung auf mich. Nach Kisling ist genau jener Aspekt der Vermittlung;  der Inspiration hin zur subjektiven Kreation die Wirkungsabsicht ihrer Arbeit und so haben ihre Bilder tatsaechlich gelungen Einfluss nehmen koennen. Dabei ist  ein allgemein gueltiger Wirkungskreis hin zur einer subjektiven Kreation theoretisch nur schwer zu beschreiben, da jeder Betrachter das Dargestellte unbestimmt zu entnehmen und zu verknuepfen vermag.

 

Mir wird bewusst, dass durch die Wirkung der Inspiration hin zur subjektiven Kreation und dessen Reflexion vieles ueber den eigenen Wesenszustand zu Tage tritt. Fuer meine Person haben die Fotografien Annette Kislings also auch eine Art von Selbsterkenntnis bewirkt, da ich ohne jenen Einfluss nicht zu dem gefunden haette. Wir halten fest, Annette Kisling interpretiert in der Wirkungsabsicht den subjektiven Weg als das Ziel.

 

Die Entstehung einer visuellen Vorstellung von Zeit und Raum, die es ermoeglicht, sich in einer Umgebung zu orientieren und Orte zu erinnern, ist die spezielle Aufgabe der Wahrnehmungsforschung. Es ist die Schwierigkeit einer solchen Forschung, eine subjektive Wahrnehmung beschreibbar zu machen.

 

Die bereits gewonnen Erkenntnisse fuehren zu der Hypothese, dass Annette Kieslings Serien uns eine Art Buehne scheinen zu offenbaren, verschiedene Kulissen ausschnitthaft zeigen. Eine Konstante in der Dramaturgie vermittelt uns in eine intime Handlung, dessen Autor nur der Betrachter selbst sein kann. Vielleicht ein  Durchbruch auf die Buehne eines Theaterstuecks; vielleicht eine Entfuehrung in eine Geschichte aus der eigenen Vergangenheit in der wir sogar selbst Akteur waren?

Vielfaeltige Varianten solcher Geschichten koennen wir uns zu diesem Werk erzaehlen, und eine jede hinterlaesst eine gewisse Unruhe und eine beruhigende Gewissheit, dass es so nicht zuging, aber das es doch so zugehen darf. Kislings Werk ist ein Augenöffner. Erst daher die vielen Bilder.

Diese Erkenntnis fuehrt mich dennoch zu der Frage, inwiefern diese Exponate, die kosmische Buehne die ich meinerseits interpretiere, auch anders, allgemein nachvollziehbar, auf einem groeßeren Nenner erklaert und interpretiert werden kann.  Zudem folgt ein Vergleich mit der szenografischen Art des Film Noir.

Stefan Ripplinger vergleicht im Nachwort zu Annette Kislings im Fruehjahr 2007 publizierter Monografie „Quartier“ die 65 Fotografien, eine Sammlung von 13 Serien, metaphorisch als Filmbilder, die Teil einer Sequenz sind und formuliert: „Es war gerade die Sequenz, die uns verfuehrt hat, aus vielleicht gar nicht zusammengehoerenden Stuecken einen vollstaendigen Raum ergaenzen zu wollen. Es ist die Sequenz, die an Schwenks und Fahrten und damit an die Suchlaeufe der Orientierung erinnert, mit der die Filmkamera den Raum abtastet. Aber je mehr wir uns umsehen, desto weniger kennen wir uns aus.“  Ripplinger beschreibt damit einen in den Bildern fuer jeden nachlesbar gescheiterten Versuch einer Orientierung. Filmisch gesehen verlieren die ausschnitthaften Fotografien die Bezuege der Raeume, indem sie ihn in Serie scheinen zu durchqueren. Ich finde, spezifischer erinnern uns die szenografischen Bilder an phasenbilderartige Ausschnitte einer Filmrolle des Film Noir.

 

Der typische Stil des Film Noir zeichnet sich durch eine Low-Key-Beleuchtung aus, die starke Hell-/ und Dunkel-Kontraste sowie auffaellige Schattenbilder produziert. Der Schatten einer geoeffneten Jalousie oder Markise, der auf die Szene faellt, ist eine ikonografisches Merkmal des Film Noir, die schon frueh zum Typ avancierte. In den spaeten 1940er Jahren wurde es zudem ueblich bei Dunkelheit zu drehen.

Meiner Ansicht nach laesst sich Ripplingers filmischer Vergleich, additiv bezogen auf die Eigenschaften des Film Noir, verdeutlichen. Ich moechte zudem ebenfalls bemerken, dass jegliche Handlung, welche gerade im Film von groeszter Wichtigkeit ist und durch die handelnden Darsteller verbildlicht wird, durch Kisling bewusst ignoriert wird. Somit ist Ripplingers filmischer Vergleich, bezueglich einer allgemeinen Gueltigkeit, im Nachwort von „Quartier“ in seiner Vollstaendigkeit partiell  anzufechten.

 

Was ist die tatsaechliche Bedeutung, wenn Annette Kisling Variationen von Stadtraeumen aufsucht, um das Affine mittels ihrer Kamera in Bildserien zu formulieren?

Analytisch sind es zuerst die Texturen, dann die Flaechen und schlieszlich die Schichtungen des bebauten Raumes, wie die architektonischen Ordnungsprinzipien, die Spuren der Bewohner und die Zeichen der Zeit die diese Fotografin mit ihrem Apparat anhand langer Belichtungszeit in Schwarz/Weiß nachzeichnet und so Hierarchien bauelementarer Regimes thematisiert.

Interpretiert fungiert auch eine Blickbarriere - ferner -  als Teil der Komposition; als Muster visueller Affinitaet, - genauer - als aesthetisches Prinzip, dessen Mehrzahl fuer ihre Bilder typisch ist. Wir finden stahlharte Schrauben neben flatternden Fetzen, sowie scharfe Schatten vor glattem Glas. Ich erkenne Hoch- und Tieftoene in den Graustufen, elementare Repetition, deren Einzelteile individuell oder veraendert sein koennen, jedoch immer zum Ganzen finden. Die summierte Taktung schafft somit ein Fundament fuer eine komplexe, aber klare Komposition. Inspiriert wuerde ich an dieser Stelle gerne Kopfhoerer anschlieszen, mit der Frage ob es nach progressivem Jazz, klarer elektronischer Musik oder einem eigenen Stil klingen koennte. Neben der dokumentarischen bis hin zur inspirierenden Wirkung vermittelt uns die Kuenstlerin also auch ein fundiertes Wissen ueber die Art der Komposition.

Zusammenfassend nutzt Kisling nach vorangegangener visueller Analyse Inszenierungen des privaten wie des oeffentlichen, des gebauten und des bebauten Raumes und konzipiert folgend in typologischen Serien Konstanten in den urbanen Kulissen. Bei genauerer Betrachtung verliert sich auch hier, typisch fuer Kisling, die nachvollziehbare Abfolge der Ansichten, da die tatsaechlichen Konstellationen der Gebaeude in eine unabhaengige Ordnung gebracht wurden. Kisling verfolgt dabei die Absicht den Betrachter entlang einer Konstante durch ihre Dramaturgien frei zu leiten.

 

Diese Art des Vorgehens moechte ich unter anderem in den folgenden Serien pruefen.

In der Serie Garten wird Raum sehr viel erfassbarer definiert, indem wir von diesem deutlich ausgegrenzt werden und einsehen koennen. Ein vor dem Fusze stroemender Fluss und ein Zaun am anderen Ufer hindern uns am Heran- und Hereintreten in die kleine Welt dahinter und so wird der Betrachter von Exponat zu Exponat in immer gleichem Abstand entlang von barrikadeartigem gefuehrt. Von Latte zu Latte, von Zaun zu Zaun, von Schrebergarten zu Schrebergarten.

 

Dabei tritt eine thematische Erinnerung an die Serie aus der Hoogstraat zu Tage. Auch hier betrachten wir die Kulisse auf der Buehne waehrend uns im Vergleich zur Hoogstraat ein tiefer Orchestergraben auszugrenzen scheint und daran hindert die Buehne zu betreten. Unser Betrachterstandpunkt ist also ein anderer. Wir scheinen voller Neugier gezwungen von Auszen das Innere zu betrachten. Dabei konzentriert sich der Blick durch einen erhoben Standpunkt, ueber die Barrikaden hinweg in die quadratischen Parzellen von Schrebergaerten, wie sie in ihrem Typ allgemein gueltig erscheinen. In diesem Fall wurden sie in der Naehe Rotterdams aufgenommen. 

 

Diese privaten einsehbaren Raeume scheinen auch in Oldenburg oder Leipzig stehen zu koennen. Sie sind sie aufgrund ihres Typs allgemein einsetzbar. Es ist aber im Gegensatz zu anderen Serien im Werk Kislings ein bestimmbarer mikrokosmischer Raum definierbar. Denn im Abseits, von wo aus wir betrachten, vor dem Fluss und dem Zaun dahinter lassen eine bestimmte Grundflaeche mit einem bestimmten Haeuschen darauf eine allgemeine Ordnung erahnen. Wir vermoegen den Raum in sich zu definieren.

  

Diese Bilder stellen damit einen groszen Unterschied zu der typischen Vorgehensweise im Gesamtwerk der Fotografin dar. Es handelt sich bei jenen Fotografien also sehr viel weniger um Ausschnitte, sondern eher dokumentierte Abbildungen mit einer erklaerenden Wirkung. Von diesem Betrachterstandpunkt aus haben wir also einen Ueberblick: Mit jedem Bild registrieren wir in der Dramaturgie nur kleinste Unterschiede. Die Bewohner der Schreberhaeuser werden diesen Sommer wohl nicht zurueckkehren und auch sonst zeigen die Gaerten keinerlei menschliche Spuren wie Werk- oder Kinderspielzeug. Jeglicher Pathos ist der Buehne fremd. Eine verlassene Kulissenlandschaft der buergerlichen Idylle.

Kisling hat sich an vielen Gruppenausstellungen in Deutschland beteiligt und hatte unter anderem  Einzelausstellungen in Rotterdam, Koeln und Berlin. Die Kuenstlerin wird durch die Galerie Kamm in Berlin vertreten.

 

Eine von Annette Kislings Einzelausstellungen aus dem Jahr 2012 in der Galerie Kamm traegt den Titel Accesso, was im italienischen fuer „Einstieg“ oder „Zutritt“ steht. Der Sinn dahinter offenbart sich erst bei genauerer Analyse.

 

Die Aufnahmen sind waehrend zweier Stipendienaufenthalte 2009 und 2010 in Venedig entstanden. Die Ausstellung gliedert sich in drei eigenstaendige Kapitel, die sich, nach Informationen der Galerie Kamm, in Groesze und Art der Rahmung voneinander unterscheiden.

Kein Horizont, keine Palazzi und nicht einmal Wasser findet sich auf den Fotos, die Annette Kisling von Venedig, der Stadt der komplexen Inszenierung, praesentiert. Wir erblicken nichts womit wir gerechnet haetten, sondern scheinbare Nebensaechlichkeiten einer europaeischen Stadt.

Zudem unterstreicht die Fotografin den Anspruch, die ueber Dekaden in Bildern inszenierte Stadt anders zu ersuchen. Dafuer variiert sie operativ das Licht und verdeutlicht: „Mich interessiert das Licht und wie es die Form und die Erscheinung veraendert." Einander aehnelnde Bilder mit unterschiedlichem Licht sollen verdeutlichen, wie viele Schichten der Geschichte, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, in der Stadt abgelagert wurden.

Kisling scheint dabei nicht einer Annahme zu folgern, denn Venedig ist treffend als eine geschichtete Stadt zu bezeichnen. Die urspruengliche Fischerstadt wurde in der Lagune auf Holzpfaehlen gegruendet und beherbergt doch steinerne Gebaeude, die im Lauf der Zeit durch verschiedene Materialschichten modifiziert wurden. So ist beispielsweise die Kirche Santa Maria dei Miracoli von 1480 an der Auszenfassade wie im Inneren nachtraeglich durch eine Marmorverkleidung beschichtet.

Diese konstruktive Vorgehensweise war charakteristisch fuer die venezianischen Bauleute im 15.Jahrhundert. Der Grund liegt in der Logistik, denn jenes Material, welches wiederverwertet oder nicht abgebaut werden musste, brauchte auch nicht aufwendig ueber die Wasserwege beschafft beziehungsweise entsorgt werden.

Die erste Arbeit thematisiert mit Portal, Kanon, Spolie 3 mal 2 Bilder auf denen Portalsituationen, Saeulensockel und steinerne Ornamentik, oder, wie sie es selbst nennt, „Stueckwerke“, die aus zwei unterschiedlichen Perspektiven fotografiert wurden. Der Verlust von oertlicher Eindeutigkeit und Isolation von kunstgeschichtlicher Situation offenbart uns Stuecke einer Kulisse, die Teil der Inszenierung Venedigs nur bedingt sein koennten. Die Exponate stellen baukulturelle Elemente dar und wirken lediglich wie Bilder aus einem zitierbarem Einrichtung- bzw. Errichtungskatalog fuer postmoderne Architekten. Die Schichtungen der Zeit sind nur schwer identifizierbar, so kann man das erste Kapitel der Serie viel mehr als ein Experiment mit Licht beschreiben.

Die zweite Arbeit, Accesso, umfasst zwoelf Bilder, die ebenfalls nur als Bausteine fuer ein Bild von Venedig aufgefasst werden koennen, in dem sich Gegenwart und Vergangenheit miteinander verschraenken. Anstelle ausdruecklicher Kompositionsentscheidungen werden hier genauere Fokussierungen geltend. Es geht vielmehr um eine Abfolge von gleichwertigen Puzzleteilen. Besonders fuer die Arbeitsweise ist hier das naehere Fotografieren, wobei der Ausschnitt noch kleiner wird, der Bezug fehlt und so in Maszstabsunendlichkeit resultiert.

Obwohl ausdruecklich nicht intendiert, regt sich laut Kisling bei vielen Betrachtern eine Erinnerung an John Ruskins Veroeffentlichung The Stones of Venice. An dieser Stelle moechte ich den oft gebrachten Vergleich genauer klaeren und pruefen.

Im London von 1851 veroeffentlichte der der englische Schriftsteller und Kunsthistoriker John Ruskin mit der dreibaendigen Publikation The Stones of Venice Beitraege zur Architekturtheorie, die bis in die Gegenwart als besonders gelten.

Die Arbeit umfasst einen Text- sowie einen Folioteil mit praezisen Darstellungen und Beschreibungen venezianischer Architektur und Malerei, die fuer baugeschichtliche Analysen bis heute herangezogen werden. Das bedeutende Werk Ruskins ist von Darstellungen der Gotik in Venedig gepraegt. Dabei wird anhand von sechs Eigenschaften versucht, die Gotik zu charakterisieren. Diese sind Rohheit, Veraenderlichkeit, Naturalismus, groteske Art, Starrheit und Ueberfuelle. Fuer diese analytische Arbeit hatte John Ruskin circa 800 Kirchen besucht um ihre Architektur, sowie ihren Schmuck  und ihre Ornamentik detailliert zu erfassen. Final synthetisiert Ruskin in dieser Arbeit die eigne Haltung, dass die byzantinische und gotische Kunst der Architektur der Renaissance vorzuziehen sei und polarisiert damit bei seinen Zeitgenossen. Dabei weist er bedeutend auf die handwerkliche Arbeit in der Ornamentik hin.

Nach Ruskin handelt es sich bei den Darstellungen nicht um blosze Abbildungen, sondern geht es sehr viel mehr um das Ablesen sozialer Umstaende, die sich in der Architektur auspraegen. Wie sich eine Gesellschaft definiert und sich selbst ausdrueckt ist, laut Ruskin in der Ornamentik verfasst. So zeigt Venedig aus dem 13.Jahrhundert Zitate eines aufstrebenden Erbadels, die das Proletariat vor der Politik ignorierte und alle Ambitionen auf ihr Eigen konzentrierte. Ruskin galt mit dem Gedanken, eine Stadt daraufhin zu lesen, welche Gesellschaft in den Bauten Gestalt annahm, als innovativ.

Meines Erachtens verfolgt John Ruskin mit The Stones of Venice also sehr viel mehr als eine abbildende, eine sozialwissenschaftliche Absicht. Der Titel „Die Steine von Venedig“ koennte durchaus in Beziehung zu Kislings Arbeit in Venedig stehen. Zudem waehlt Kisling das eine oder andere historische Element so ausschnitthaft, aehnlich wie Ruskin. Es ist jedoch ein korrekter inhaltlicher Vergleich aufgrund des architekturtheoretischen Gewichts in Ruskins Arbeit irrefuehrend und aufgrund dessen nicht erklaerend, schon gar nicht annehmbar.

Auch sehe ich Kislings Werk nicht in der Tradition einer dezidiert gesellschaftskritischen Avantgarde, fuer die es von Wichtigkeit war, historische und soziale Bewegungen zu erkennen und zu visualisieren. Weiter noch, so wenn Kisling als zeitgenoessische Kuenstlerin vergleichbar mit John Ruskins Leseweise Venedigs ablesbar machen wuerde, dann haette sie keine andere Wahl, als vielmehr das offensichtlich Restaurierte wie das nicht Restaurierte zu zeigen. Es waere ihre Aufgabe, Informationen einer Umgebung zu vermitteln, wie auf Plakate gedruckt. So sind die Bilder aus der Hoogstraat sehr viel genauer das, was sich oertlich lesen laesst und einem Vergleich mit der architekturtheoretischen Arbeit The Stones of Venice gerecht werden wuerde.

Ich moechte nun der Frage nachgehen, was das Venedig sein koennte, dass Kisling in Anlehnung an Ruskin thematisieren haette koennen. Der Philosoph Georg Simmel erkennt in Venedig Anfang des 20.Jahrhundertsein "entseeltes Buehnenbild, nur die luegenhafte Schoenheit einer Maske" und ich denke, dass diese Aussage uns im Folgenden auf den richtigen Weg bringt:

Venedig wurde ueber die Jahrhunderte zu einem immer groeszeren Anziehungspunkt des internationalen Tourismus, in dessen Folge sich die historischen Fassaden in gewisser Weise verselbststaendigten. Sie dienen viel mehr dem Zweck eines romantisierten Denkmals, welches zudem lebendig belebt wird. Die Stadt muss den Anforderungen auch standhalten und unterliegt dabei alltaeglichen Modifizierungen. Faktisch kommen in Venedig auf 1000 Quadratmeter Flaeche bezogen75 Einwohner additiv 56 Besucher taeglich. Dieses Verhaeltnis zwischen einer zunehmend dezimierten innerstaedtischen Bevoelkerung und einer expandierenden Anzahl von Touristen praegt die Stadt in seinem Bestand gravierend. Auf der anderen Seite gilt Venedig als einer der groeszten europaeischen Anziehungspunkte fuer sogenannte illegale Einwanderer.

In diesem Sinne wird das Venedig unserer Zeit, meiner Einsicht nach treffend als Dual City bezeichnet, da die globale Oekonomie polarisierende und radikale Anforderungen an seine Strukturen stellt. Ich vertrete die Haltung, dass dieser Aspekt in seiner Groeszenordnung definitiv als ein Problem fuer die historische Stadt zu werten ist, als das sie aufgrund des Profits eine zukuenftige Chance darstellt. So halte ich diese Thematik als Student der Architektur fuer hoch interessant und wird es auch das sein, was Annette Kisling als zeitgenoessische Kuenstlerin mit Fotografien in den Fassaden thematisieren wuerde, wenn sie tatsaechlich im Sinne Ruskins vergleichbar gearbeitet haette.

Das dritte Kapitel in Annette Kislings Arbeit nennt sich Museo. Die Arbeit befasst sich speziell mit Arbeiten des bedeutenden Architekten Carlo Scarpa und thematisiert die venezianischen Schichtungen -  meiner Ansicht nach - sehr viel intensiver und gelungener als das erste Kapitel von Accesso.

Ich moechte vorangehend den Hintergrund verdeutlichen, wie gelungen Kislings Wahl auf Scarpa fuer ihr eigenes Werk war: 

Viele Architekten vertreten die Haltung, dass neben verschiedensten Stroemungen in der Architektur die eigene Herkunft von besonderer Bedeutung ist und praegt. So schreibt Vittorio Amagnago: „Die tiefe Affinitaet zwischen Architekt und Ort hat eine verstaerkte Mimesis zwischen Bau und Umgebung, zwischen Neudefinition und Genius Loci zur Folge.“

 

Der Architekt Carlo Scarpa (1906-1978) unterstrich eben diese Haltung immer sehr stark in seiner eigenen Arbeit und vermerkt, dass sein architektonischer Umgang eine andere waere - haette er anstelle von Venedig in Rom gelebt. Er wurde in Venedig geboren und verbrachte die laengste Zeit seines Lebens in jener Stadt, deren Charakteristik seine eigene formte. Edorado Detti war ein enger Freund Scarpas und beschreibt seine Werke mit dem gewichtigen Attribut der „Venezianità“. Scarpa gab stets Acht bei seinen Umbauten nie die Spuren der Zeit und Vergangenheit ganz auszumerzen und so hinterlaesst er ablesbare Schichtungen.

Zusammenfassend verdeutlicht dieser Hintergrund den oertlichen Bezug zwischen Carlo Scarpas und Venedig. Scarpa traegt mit venezianischer Handschrift zu den Schichten bei, die Annette Kisling uns vermittelt. Das ist der bedeutende Aspekt, der dieses dritte Kapitel in Kislings Arbeit so konsequent und deswegen wertvoll macht.

 

Kislings Serie Museo ist von 2009. Sie zeigt 10 Innenansichten aus zwei venezianischen Museen, der Gallerie del l'Accademia und dem MuseoCorrer, die Carlo Scarpa in den fuenfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ebenfalls teilweise umgebaut und  additiv gestaltet hat.

Zuvor hatte die Museumsleitung der Fotografin strikt untersagt, die Kunstwerke abzulichten. Das Verbot schraenkt die Fotografin aber in keiner Weise ein. Vielmehr verschaerft sich dadurch ihr Blick, vorbei an den Exponaten, wo er praezise am scheinbar Unspektakulaeren haften bleibt: an den anthraziten Schrauben und Naegeln, den aesthetischen Prinzipien, mit denen Scarpa Staender und Rahmen, Schranken und Durchgaenge konstruiert hatte.

Scarpa konzentriert sich  nicht wie Venturi auf die grosze Geste, viel mehr fokussiert er das Detail und kreiert so eine charakteristische  Ausdrucksweise. Das erkennt auch Annette Kisling und sagt: „Das hat einen ganz eigenen Rhythmus und Stil, den erkennt man aber erst, wenn man genau hinschaut.“ Durch additives Fuegen in die historische Bausubstanz nutzt Scarpa klare eiserne Konstruktionen als Mittel zum Ornament und bringt damit die Vergangenheit und die Moderne in Verbindung.

 

Ich bewerte Scarpas feinfuehlige Operationen ebenfalls als vorbildlich. Die moderne und funktionale Eleganz der Stuetzen und Streben kontrastiert also mit der Vergangenheit des Museums, verbildlicht durch den abgefallenen Putz im Hintergrund und symbolisiert auch in diesem Werk Kislings meine Interpretation von Zeit und Raum.

 

Nachvollziehbar erkennen wir in diesem Werk Parallelen zu der Arbeit Hoogstraat. Mittlerweile erfahren, lesen wir visuelle Informationen, wie den abgefallenen Putz im Hintergrund, und das aesthetische Gefuehl der Kuenstlerin, durch das Zitieren aus Scarpas Arbeit.

Im Zusammenhangerblicken wir durch die nahen Ausschnitte nicht die Buehne des venezianischen Theaters, sondern befinden wir uns vielmehr auf der Rueckseite der Kulisse. Ich interpretiere diese Fotos als einen Einblick hinter die Kulisse, die Venedig in seiner Inszenierung vorgibt zu sein und erkenne fast beruhigt den tatsaechlichen Buehnenbau in seiner Konstruktion.

Die intime Erfahrung von einer raeumlichen Rueckseite, sowie der kulissenartigen Ganzheit Venedigs und den angedeuteten Dualismus von Zeit zwischen Punkt A und Punkt B, interpretiere ich als das was Annette Kisling knapp Accesso titelt: Das Schaffen eines Zugangs, in welchen wir ohne sie nicht gefunden haetten.

 

Ein Raumwechsel. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit folgen wir Annette Kislings Spuren auf eine sechsmonatige Stipendienreise in das Jahr 2007 in die franzoesische Hauptstadt. Die Stadt der Lichter versprueht noch immer den Charme einer flanierenden Femme Fatal, den auch Charles Baudelaire, Oskar Wilde und der verkannte Poet Jim Morrison in Laufe ihres Lebens erlagen.

In diesen Boulevards steht auch die Berliner Kuenstlerin– nicht von der Nostalgie getrieben, sondern mit beiden Beinen in der Gegenwart. Hier haelt sie konsequent an ihrem Ziel fest: Diesmal wird sie eine deutliche Verbindung von Zeitpunkten kreieren, indem sie, ich moechte sagen: Zwei Stuecke auf einer Buehne auffuehrt. Ob das gelingt?

In ihrer in Paris, 2008zusammengestellten Serie Les Vitrines von 21 Fotografien ueber Schaufenster des 19.Jahrhunderts, eingelassen in die bourgeoisen Fassaden der Pariser Innenbezirke, macht sich die Kuenstlerin auf die Suche nach einer dualen Wahrnehmbarkeit von Zeit, und antwortet konzeptionell, in dem sie Raum und Flaeche nutzt um die Zeiten zu verbinden.

Sie fotografiert ausschnitthaft die Schaufenster mit ihrer Rahmung und interpretiert den spiegelnden Effekt der Glasscheibe als funktionale Projektionsflaeche. In den klassischen Rahmungen erfasst der Blick  nun das Spiegelnde; Außenliegende, wie das Treiben der Strasze und das Innenliegende.

Straßenlaternen bekommen den gleichen Wert wie die ausgestellte Ware, spiegelnde Straszenschilder die gleiche Aufmerksamkeit wie Markenschriftzuege, spiegelnde Autos oder Baeume. Alles steht nun nebeneinander und durchdringt einander.

Annette Kisling nennt auch diesen dargestellten zeitrauumlichen Dualismus, schlicht  „Schichtung“, und meint damit primaer ein projiziertes visionaeres Ineinandergreifen von Geschichte und Gegenwart, wie Innen/- und Auszenraum.

 

Diese duale Inszenierung ermoeglicht dem Betrachter durch raeumliche Verbindung eine Art von Zeitreise, wie ich zu Beginn meiner Arbeit bereits andeutete.

Das liest sich wie Science Fiction und so moechte ich dies auch damit vergleichen: Der britische Science Fiction Autor Bob Shaw entwickelte in den 80er Jahren einen Stoff, den er „langsames Glas“ nannte. Die Eigenschaften dieses fiktionalen Materials bewirkten eine Entschleunigung von Lichtstrahlen. Das Licht bewegte sich in diesem Glas demnach so langsam, dass man Bilder speichern und als Projektionen noch Jahr spaeter abspielen konnte.

  

Gegenwaertig arbeiten Berliner Physiker tatsaechlich an einem solchen Material. Eine aktuelle Theorie der Wissenschaft besagt, dass der Raum als eine Artzweidimensionale Flaeche existiert, dessen dritte Dimension eine Art projiziertes Hologramm an der Umgrenzung des Raumes ist – ein Rahmen. Der Informationsgehalt wird auf der Oberflaeche gespeichert und wiedergegeben. Es handelt sich vereinfacht ausgedrueckt, um zwei Realitaeten als eine projizierte Illusion.

 

Wenn Kisling nur wuesste, wie wahr sie tatsaechlich eine Zeitreise nicht nur darstellt, sondern theoretisch verbildlicht, waere sie womoeglich selbst ueberrascht. Ich bin es umso mehr. Kisling selbst

bezeichnet die Projektionsflaeche als „Schnittstelle“, wie sie sagt  und verdeutlicht das Trennende wie das Verbindende als „eine gegenwaertige Gleichzeitigkeit“.

Darin lese ich einen Kontext von Zeiten und Raeumen.

 

Die hinter Glas und Passepartout schmal und schwarz inszenierten Fotografien wirken in ihrer linearen Reihung selbst wie Schaufenster. Aehnlich der drei Nostalgiker, flanieren die Betrachter ihrerseits, durch ein Paris, dass sie womoeglich vor Ort gespuert haetten, aber nie so gesehen haben.

So liest der Betrachter die Zeichen, die Zeiten von Paris durch Kislings konzeptionelle Poetik von einem „zweidimensionalen Tableau“.

 

Roland Barthes hat die zeit/- und raeumlichen Beziehungen des staedtischen Raumes in einem unmetaphorischen Sinn als Schrift definiert, die es zu entziffern und zu verstehen gilt: „Die Stadt ist eine Schrift; […] der Benutzer der Stadt ist eine Art Leser, der je nach seinen Verpflichtungen und seinen Fortbewegungen Fragmente der Aeuszerung entnimmt und sie insgeheim aktualisiert.“ Die Wahrnehmung von gebautem und bebautem Raeumen ist also komplexer, als die alltaegliche visuelle Erfahrung ermitteln kann.

 

Die Stadt ist also ganz aehnlich wie Kislings Werk, eine persoenliche Lesart von Spuren und Zeichen, die sich zeigen, wiedergeben, aufschreiben oder auch in Fotografien darstellen laesst.

Am Ende der kuenstlerischen Arbeit von Annette Kisling, an dessen Anfang das Finden eines charakteristischen Raumes war, steht nun ein neuer zweideutiger Text voller Informationen, der sich zwischen und mit den fotografischen Bildern ausbreitet.

Mit der ausschnitthaften Bildsprache zitiert Kisling aus den staedtischen Fragmenten, der Movens - manchmal thesenartig, manchmal nur hinweisartig - ist immer auch die praezise Entscheidung der Bildautorin und so lesen wir zwischen den Zeilen gebauter Kapitel die vermeintliche Dramaturgie immer als eine Inszenierung des Realen durch die Fotografin selbst.

 

In der Moderne wie in der Postmoderne war die Kunst nicht nur durch Freiheit im Erschaffen gekennzeichnet, sondern oft durch radikale Begrenzungen.

Ob Annette Kisling durch ihre ausschnitthaften Fotografien Zeit und Raum begrenzt oder die Grenzen undefinierbar macht, ist wohl ein Teil der Wirkungsabsicht: Die Interpretation eines jeden.

Denn ich persoenlich vertrete die Haltung, dass jenes Fragmentarische in den Fotografien - wie in der Literatur - nicht auf die Welt, sondern auf das Individuum verweist!

 

Zusammenfassend sind die Fotografien ein interpretierter, ein denkbar guter, ein idealer Abdruck zugunsten einer szenografischen Lesbarkeit. Kisling entwickelt zeitraeumliche Zwischenmomente, die sich aeuszerlich durch verschiedene Stadtraeume unterscheiden, aber in Serie inhaltlich eine konstante thematische Erzaehlung halten. Gleich einer Buehnenbildnerin produziert die Kuenstlerin von Bild zu Bild eine Dramaturgie, die den Betrachter entlang eines roten Fadens durch eine Geschichte fuehrt, dessen Autor eines jeden Subjektivitaet selbst ist.

Durch die Basis fuer diese Vermittlung - die sensible Irritation von Zeit und Raum; durch die Aufloesung der definierten Gitter und Grenzen – bekomme ich, als Subjekt, zwei aeuszerst wertvolle Dinge von Annette Kisling:

 

Raum- und Zeit fuer Erkenntnis.

 

 

Leipzig | 201212

 

 

 

 

Die Auseinandersetzung mit dem fotografischen Werk von Annette Kisling hat mich in den Raeumen dazwischen inspiriert, meine Umwelt mit weiteren Augen zu sehen. Das bewusste Lesen von Kontexten zwischen Zeit und Raum hat mich unter anderem zu der Erkenntnis gefuehrt, aus der The closed Set entstanden ist. Diese Fotoreihe thematisiert das barrikardenartige; das offensichtliche und das verwehrte. Diese affinen Zeitportale des vergangenen Buergertums aus dem Leipziger Osten sind geschlossen. Ihre Bewohner; die Akteure bleiben hinter den Kulissen; in der Vergangenheit zurueck und ihre Geschichten bleiben uns hinter variantenreichen Schichtungen unzugaenglich. Keine Zeitreise. Auf Inspiration durch die Rotterdams Hoogstraat bis hin zu Pariser Les Vitrines folgt also die Kreation. Ich finde das wertvoll. So kann man dies als eine Hommage an Kislings Arbeiten lesen.

Aus Leipzig.

 

Hier gehts zum CLOSED SET.