Bild: LePaien_Kunst, Art, Architecture, Architektur, Städtebau, Architekturphotographie

 

The Joseph Set

  

st.joseph is located in le havre, france.

the city was almost buried by bombs.

the church is built art made of concrete in avant garde form.

it is made of recycled ruins left behind the second world war.

it looks like a light house signing freedom now.

in fact st.joseph is a symbol; giving the people hope.

 

 

Le Havre | 290513

  

 

 

 

 

 

Mein Beton ist schoener als Stein.

Dessen Schoenheit uebertrifft

die edelsten Baumaterialien.

Er hat seine eigene Poesie"

 

 

- Auguste Perret, Architekt und Stadtplaner

 

 

  

Wo die Seine im Atlantik muendet, liegt auch der Hafen einer historischen Sehnsucht.

Von hier aus setzten europaeische Schiffe ueber Jahrhunderte die Segel, um Hoffnung und Erloesung in der Ferne zu erreichen. Als haetten die fluechtenden Auswanderer die subversive Zukunft geahnt.

 

Schutt, Staub und Asche.

 

Am 6. September 1944 starb die Hafenstadt mit seinen großzuegigen Boulevards der Belle Epoque und den barocken Reederpalais schlagartig. Ueber die Haelfte der franzoesischen Hafenstadt wurde voellig ruiniert. Britische Bomber befreiten den Stuetzpunkt in der Normandie von den deutschen Besatzern mit so viel Erfolg wie Krieg eben nur haben kann. Faktisch sterben eber 5.000 Menschen im Bombenhagel. 80.000 Menschen verlieren ihre Heimat. 13.000 Haeuser werden zerstoert. Die komplette Infrastruktur der Hafenstadt existiert nicht mehr: kein Buergermeisteramt, keine Behoerden, keine Schulen, keine Polizei, keine Laeden, keine Kirche - der gesamte Kern der Stadt: zersetzt.

 

 

 

Die Schiffe verlassen den Hafen

Claude Monet_Le Havre | 1874 

Oel auf Leinwand, 60 x 101 cm

 

 

 

Le Havre. Heute leben wieder 175.00 Menschen mit den natuerlichen Gezeiten in der zweitgroeßten Hafenstadt Frankreichs. Mit Ebbe und Flut, mit dem Kommen und Gehen. Zwischen einer weltweit einzigartigen Betonkultur. Auch die Stroeme und Wellen der Auswanderer scheinen sich beruhigt zu haben.

 

Der franzoesische Staat reagiert nach der Bombardierung entschieden. Sie vergibt den Auftrag die Stadt nach einem einzigartigen Masterplan, auf dem Fundament einer großen Idee als moderne, urbane Einheit neu zu errichten an einen Architekten und seine 60 Studenten. Eine spektakulaere, in der internationalen Baugeschichte nie zuvor getroffene, radikale Entscheidung.

Auguste Perret (1874 – 1954) erhaelt diesen außergewoehnlichen Auftrag auf 130 Hektar fuer 80.000 Personen Wohn- u. Lebensraum zu schaffen. Mit wuerdigen Lebensbedingungen fuer eine klassenlose Gesellschaft: Licht, Luft, Strom und fließend Wasser fuer alle!

 

Der Architekt ist zu diesem Zeitpunkt bereits 71 Jahre alt. Er galt bereits zuvor als ein anerkannter Gestalter; mit einer klaren Formensprache; mit populaeren, aber nicht unumstrittenen Bauten in Paris. Besonders galt er als ein Meister des Betonbaus.

Perret plant auch fuer Le Havre ein Gesamtwerk aus Eisen, Zement, Sand, Kies und Geroell. Dafuer laesst er das Vorhandene nach Farben sortieren, zermahlen und erneut einfaerben.

Von 1945 bis 1954 erbaut Auguste Perret durch den Regierungsbeschluss mit einer ganz eigenen Handschrift. Adaequat herrschen Gradlinigkeit und ein einheitlicher, genormter Stil. 

Die Gestaltung seiner Fassaden ist dennoch durchaus spielerisch und das Dekor zitiert und abstrahiert immer wieder antike Ornamentik. Letztlich scheint mir der franzoesische Klassizismus nicht mehr fern: Stolze Saeulengaenge mit gezierten Kapitellen durchziehen die Arkaden der Stadt und ihre repraesentativen Kulissen scheinen mir immer in proportionalen Verhaeltnissen geformt, so dass man glauben koennte Vitruv haette hier eine indirekte Rolle gespielt.

Das ist fern der Schmucklosigkeit der Moderne und den architektonischen Prinzipien des Bauhauses. Mir scheint, eine solche Liaison zwischen historischem Fundament, Klarheit und bescheidender Manieriertheit in der Architektur des 20. Jahrhunderts gebe es nur hier.

 

 

 

Es entstand eine neue Stadt

aus den Ruinen der alten.

Eine Stadt aus farbigem Beton.

 

 

 

Weit ueber die Daecher der Hafenstadt ragt nun auch wieder ein Kirchturm: Die Église Sainte-Joseph du Havre gilt als das Wahrzeichen Le Havres und diese Kirche gilt als das Meisterwerk des belgischen Architekten.

Perret entwarf die Kirche nach seinen Vorstellungen und griff zudem ein nicht verwirklichtes Projekt aus Paris auf: Seine Votivkirche Sainte Jeanne d´Arc sollte urspruenglich 1926 in der Rue de la Chapelle im 18. Arrondissement erbaut werden.

Die Kirche St. Joseph wurde von 1951 bis 1956 gebaut. Auguste Perret erlebte die Einweihung der Kirche nicht mehr. Das Gotteshaus wurde noch 1957 von den Architekten seines Bueros; Georges Brochard, Jaques Poirrier und Raymond Audigier fertiggestellt. Dieser Bruch fuehrte auch zu einem bis heute sichtbaren Bruch in der Gestaltung des Gebaeudes, wie es an der Saeulengestaltung erkennbar ist:

Fuer den Sakralbau wurden 700t Stahl und 50.000t Beton fuer eine Gesamtflaeche von 378m² bei einer Gesamthoehe von 107m benoetigt. Der 2.000m² große Grundblock ruht auf 71 Frankipfaehlen. Besondere Vorteile bieten Frankipfaehle dort, wo hohe Lasten abgetragen werden sollen oder der tragfaehige Baugrund erst in großen Tiefen anzutreffen ist.

Die Schlichtheit der Linienfuehrung dieses Sichtbetongebaeudes, das von einem achteckigen, 110 m hohen Kirchturm ueberragt wird, ist charakteristisch fuer den Stil von Perret. 

 

"Schoen ist anders", sagt ein Tourist aus Deutschland beim Spaziergang auf der Rue de Paris. Als Student der Architektur bin ich bereits vor Betreten des Gebaeudes begeistert.

Mein erster Eindruck ist besonders durch die Hoehe des Turmes, die Betonmaterialitaet, sowie durch eine freie Erinnerung an einen vergangenen Futurismus gepraegt. Der Eingang ist schlicht und doch großzuegig gestaltet.

Ich trete ein und befinde mich aehnlich eines Portals auf der inneren; intimen Seite Le Havres. Mit dem Gefuehl einer auferlegten Achtsamkeit suche ich die Kirchenbaenke auf um mich zu setzten; um die Inszenierung wirken zu lassen: Es ist Messe.

Wider Erwarten gibt es keine harten Kirchenbaenke, sondern bequeme Fauteuils in Hufeisenordnung. Das sorgt statt einer gewohnten Demut fuer eine entgegengebrachte Geste des Willkommens. In das Gesamtkonzept fuegen sie sich meiner Meinung nach nicht. Ein zeitgenoessisches Relikt der 50/60er?

Die ersten Assoziationen: Aus dem Turm fuellt eine Windharfe den Raum mit Klang. Waehrend der Pastor predigt produzieren die akustischen Verhaeltnisse durch einen langen Nachhall eine mystische bis weilen unheimliche Atmosphäre.

Dem franzoesischen nur teilweise maechtig klingen die Worte weniger poetisch, sehr viel mehr deutlich und mahnend. Der Blick wird zudem immer wieder nach oben gezogen, umso kleiner fuehlt man sich selbst. Die Demut folgt somit aufs Zweite.

Der monumentale Stil des quadratischen Innenraums wirkt durch Irritation der Maßstaeblichkeit sehr erhaben. Dabei wird der eigene Blick nach oben - in den Turm - gefuehrt.

So ist die sakrale Wirkung einer polaren Beziehung zwischen dem eigenen Subjekt und einer entfernten Naehe zum goettlichen Schein als sehr intensiv zu beschreiben. In jenem Sinne Kant das Gefuehl der Unnmaßgeblichkeit in der klassischen Theorie des Erhabenen formuliert, geht auch diese Wirkung damit einher.

Die Hoehe des Turmes scheint mit Stille gefuellt und jeden hallenden Schritt zu subtrahieren, bis wieder eine erhabene Ruhe herrscht. Es handelt sich hier also nur beim ersten Hoeren um einen Kontrast zwischen einem Laut und der Stille – Schritte wirken viel mehr  wie Tropfen die auf Wasser fallen um sich schließlich in einer Ruhe zu vereinen.

All das fließende - wie der Laut, der Blick und die Aufmerksamkeit - scheinen immer wieder entlang des betonalen Voluminas, aehnlich einem umgedrehten Trichter, in die Hoehe - zum goettlichen geleitet  zu werden. Als wuerde all das im dem diffusen Licht zu einer himmlischen Heiligkeit abgefuellt werden [englisch: holy, „heilig“, von whole -> ganz; Das Ganze].

Der achteckige Laternenturm befindet sich in der Raummitte ueber dem und hat eine lichte Hoehe von 87 Metern.

Aus dem Fensterkranz des achteckigen Turmhelms leuchtet das Licht herab auf den zentral darunter aufgestellten Altar. Dieses Zentrum verleiht dem gesamten Raum eine totalitaere Zonierung. Der dreidimensional rahmende Kubus unterstuetzt dieses Zentrum, scheint aber meines Erachtens nachtraeglich installiert worden zu sein.

Ein Kreuz symbolisiert diesen Ort  - wie ein zentrales Statement - als einen Ort fuer Christen. Ebenso wirkt der Altar aufgrund seiner soliden Materialitaet - ebenfalls aus Beton - wie unverrueckbar, geerdet - wie zweifelsfrei und zukuenftig.

 

Auch die Kirche selbst scheint durch den Beton von der Vergangenheit bis in eine entfernte Zukunft reichen zu koennen. Nur die harten Konturen der Schalungen und der grobe Zuschlag sind ersichtlich und zeugen wie von einer Entschlossenheit zum Bau der Kirche. Zudem erwirkt der Beton eine volumenartige Festigkeit, Sicherheit und Ruhe aehnlich der Bunkeranlagen in der Umgebung Le Havres.

Dieses Gefuehl wird durch die sichtbare Konstruktion und die orthogonalen Prinzipien in der allgemeinen Gestaltung unterstuetzt, sodass eine selbstverstaendliche Gewissheit herrscht, man befinde sich in einem unnatuerlichen Raum. Die Wand an sich ist nicht verkleidet; es ist keine Schwingung oder Kraft, wie diese in Barocken Kirchen zu spueren ist, vorhanden - im Gegenteil - aber tragen diese nackten Waende in meinen Augen doch ein einzigartiges Bildwerk: Denn der Beton steht dem Betrachter dieser Kirche immer im Kontext der Geschichte Le Havres.

Sainte Joseph scheint wie ein Bauwerk zwischen Skelettbau und Massivbau. Das liest sich - neben der sichtbaren Konstruktion - in den zwar hohen, aber nur sehr schmalen Fensteroeffnungen ab. Eine abstrahierte, aber wirkende romanische schwere scheint mit mir einer neogotischen Aufloesung kombiniert.

Der Sockel des achteckigen Glockenturms wird von vier quadratischen Unterzuegen gestuetzt. Die Betontraeger sind klar sichtbar und als Vierung; als ein sakrales Zitat zu verstehen. Die Traeger haben weiterhin einen konstruktiven Nutzen.

Der untere Teil des Bauwerks, einschließlich der Seitenschiffe, der Empore und der Kapelle, wird von einer Reihe 18 kannelierter Saeulen gestuetzt. auf eine Apsis wurde verzichtet.

 

Auguste Perret formulierte im Jahr 1929:  "So [...] gibt es nichts dieser Organisation zu verbergen: die Pfeiler, die Saeulen, die Steinplatten sind fuer das Bauwerk das, was fuer ein Tier das Skelett ist und wenn die Struktur aus Stahlbeton nicht wert ist gesehen zu werden, hat der Architekt seinen Auftrag schlecht erfuellt."

Mit dieser Haltung verwirft Perret die ornamentale Kunst zugunsten der Schlichtheit und des materiellen Charakteristikums. 1928 bezeichnet Auguste Perret auf dem internationalen Kongress fuer Mauerwerk und Stahlbeton die Saeule als "das edelste Organ der Architektur". So ist auch Le Havre reichhaltig mit Variationen von Saeulen und Pfeilern gesaeumt, sodass die damals innovative Architektursprache Perrets ganz offensichtlich aus antiken Wurzeln zitiert. In der Kirche St.Joseph erreicht dieses Thema den Hoehepunkt und stoeßt gen Himmel an seine Grenzen.

 

Im Folgenden moechte ich diese Problematik genauer definieren: Die konstruktive und gestalterische Verbindung von Vierungsraum und achteckigem Laternenturm wirkt so zweiteilig, wie stoerend. Die sonstige Klarheit und Eleganz des Baus wirkt hier offensichtlich gebrochen. Mehr noch wie ein Versuch zwei entwickelte Elemente zu einem Konzept zu fuehren. Ich mir aus der Praxis bewusst, dass ein solcher Schritt zu oft nicht in eine klare Richtung fuehren kann. Nach dies bezueglicher Recherche kann ich weiterhin nur die Annahme hegen, es handele sich bei diesem Bruch in der Achtsamkeit; um einen Bruch in dem Entwurfsprozess durch den Tod Perrets und die Leitungsuebernahme seiner  Mitarbeiter 1957.

Zwei schlichte Skulpturen - mit dem Bildnis der Mutter Jesu Christi; der Jungfrau Maria und Jesus gesetzlichen Vater; des heiligen Joseph - stehen einander gegenueber in den Seitenschiffen. Die eine im Sueden, die andere im Norden.

Letzterem wurde der Sakralbau im Zuge der sozialen Nachkriegs-Bewegung geweiht: Der heilige Joseph; der Zimmermann eigentlich Josephus Tekton, der Bau- und Handwerker gilt in seinem Attribut als Schutzpatron der Arbeiter.

Inwiefern Auguste Perret diese Bedeutung fuer adaequat halten konnte, kann ich nur erahnen - er starb noch vor der rituellen Kirchenweihe.

Ich interpretiere den konzeptionellen Bezug in Richtung des Architekten und seiner vielen helfenden Haende als vollstaendig und gelungen.

 

Die Orgel ist wie zu erwarten gegenueber des Altars; ueber dem Eingang positioniert und versteht sich hier - aehnlich der Skulpturen; des Taufbeckens oder des Altars - eindeutig als sakrales Inventar.

Diese Orgel besitzt nach meinem Verstaendnis ausschließlich labiale Pfeifenformen, d.h. beispielsweise Prinzipal, Floete, Gambe, Spitzfloete und Koppelfloete. Diese Instrumente werden primaer mit den Lippen gespielt, denn mit der Zunge. Es entstehen letztlich hoehere Frequenzen, als bei Lingualpfeifen. Entscheidend ist meiner Meinung nach bezueglich der raumakustischen Verhaeltnisse, dass diese instrumentale Wahl einen besonders langen Nachhall besitzt. Gut kann ich mir vorstellen, dass so die Raumweite und goettliche Hoehe zum Ausdruck gebracht wird.

Ich haette mich aufgrund der bereits beschriebenen akustischen Qualitaeten sehr gefreut das Orgelspiel zu hoeren, was mir jedoch bis zum Ende meines Besuches bedauernswerter Weise verwehrt blieb.

Neben den kleinen Colymbien am Eingang und den heiligen Statuen ist der Beichtstuhl ein weiteres Indiz, welche diesen Sakralbau als einen katholischen identifizierbar macht.

 

Diese gegenstaendlichen Ueberlieferungen des praktizierten Ritus kommuniziert immer auch einen traditionellen mystischen Eindruck beim Besucher eines Sakralbaus - gleich, ob glaeubig oder nicht. Zudem scheint mir eine Art Gefuehl kollektiver Achtung zu wirken.

Auf weitere Kunstwerke oder typische Sakralobjekte zugunsten des Ritus wurde verzichtet, waehrend mir die Sakristei nicht ersichtlich scheint.

 

Lediglich eine kleine Ausstellung mit einigen Bildern von dem Bau der Kirche ist ausgestellt. Dennoch wirkt die Kirche nicht ausgeraeumt, denn die fuellende sakrale Atmosphaere - im Sinne einer religioesen Erfahrung - wird umfassend durch das Licht inszeniert.

Im Folgenden moechte ich die Lichtinszenierung mit seiner diaphanen Eigenschaft - aehnlich gotischer Sakralbauten - genauer erlaeutern.

Die Lichtinszenierung des Turm-Innenraumes hat eine besonders imposante Wirkung auf mich: Ich deute die Illumination als eine zeitgemaeße Uebersetzung des sakralen Zitats - durch die Worte einer andaechtigen Predigt.

Anders ausgedrueckt spricht nicht Gott, sondern das Licht selbst bedeutet zum ersten die von Gott ausgehende Schoepferkraft, additiv einer konzeptionellen Interpretation, auf die ich im weiteren Verlauf eingehen moechte.

Das Sonnenlicht projiziert komplexe Farbkompositionen durch 12.768 Glasfenster in sieben Farben – gelb, orange, rot, lila, blau, gruen, weiß – und 50 Schattierungen auf den Sichtbeton des Inneren. Bei starkem Lichteinfall - oder bei der Verwendung von Weihrauch - faellt die Helligkeit strahlenartig in den Raum. Dann wirkt sie wie ein Schein, der auf der Basis von grauem Beton - "auf der Basis von Dunkelheit" - erfahren wird.

Die leuchtende Opposition zum dunklen unbekleideten Beton wurde von einer Kuenstlerin entworfen: Perret arbeitete bereits 1922 mit Marguerite Huré an der Église Notre Dame de la Consolation von Raincy. Huré wurde bereits ein großes Verstaendnis fuer die Sprache der Farben zugesprochen - ob sie beruhigend, erheiternd oder auch eine mystische Stimmung vermitteln -, sowie die Stimmung des Lichts in den Kirchenfenstern. Die Kuenstlerin nutze Antikglas, welches in Saint-Just-Sur-Loire mundgeblasen wird; dadurch unregelmaeßig entsteht und belebt wirkt.

In dem Konzept Auguste Perrets steht das Lichtgedicht fuer die Kriegstoten von Le Havre. Demnach interpretiere ich diese Lichtinszenierung, neben dem goettlichen Schein, auch als eine andaechtige Predigt.

In dem wissenschaftlichen Text Heilige Daemmerung - diaphanes Licht steht diesbezueglich geschrieben "Dem Charakter des Heiligen entspricht auf Seiten des Subjekts die Ahnung eines Geheimnisses" - einer Geschichte -, "dass die Daemmerung birgt."

Was kann dieses Geheimnis sein: ist es unergruendlich oder interpretierbar?

Diese farbigen Quadrate gleiten ueber die puristische Fassade – unten in satten, dunklen Toenen, zur Spitze hin immer heller werdend bis zum Weiß des Himmels.

Meine Gedanke dazu ist: Die projizierten Einheiten - die Gefallenen - muenden also in einem Diffusen: dem himmlischen Schein, dessen direkte Lichtquelle von unten nicht auszumachen ist. Durch diese inszenierte Heraufnahme, erreichen die Gefallenen selbst eine religioese Hoehe; eine gottesnaehe; einen Bezug in der Andacht.

Interpretiert erzaehlt uns das Licht demnach von einem offenen Geheimnis; von der Geschichte.

Auf dieser Ebene wird der sakrale Raum bedeutsam mit Geist gefellt - durch Konzept. Die Kirche ist somit nicht nur im staedtebaulichen Zentrum; ist es nicht nur das religioese Zentrum, sondern konzentriert es vor allem auch die Vergangenheit Le Havres, seine gegenwaertigen Bewohner - mit ihren Aengsten und Hoffnungen - und damit auch die Zukunft.

 

 

 

"Architektur", sagte Auguste Perret

"ist die Kunst den Raum zu organisieren".

 

 

 

In diesem Sinne entfaltet Le Havre nach meinem Verstaendnis in seinem Inneren; in seinem sakralen Raum die Poesie, die diese Stadt als ein Gesamtkunstwerk des 20. Jahrhunderts ausmacht.

 

Additiv weckt der Kirchenturm aufgrund seiner geometrischen Form Vergleiche zu der Tradition der Beinhaeuser des 1. Weltkriegs, sowie - als Laternenturm - an einen Leuchtturm. Zudem wird der Kirchturm auch seit 1997 des Nachts durch eine weitere Außeninstallation illuminiert.

An der Suedwestseite windet sich eine Wendeltreppe aus Betonmodulen in vielen Windungen hinauf zur Spitze. Wie bereits erwaehnt tritt bei dem Blick eine Irritation des Maßstaeblichkeit zu Tage.

Nach Besucherinformationen soll der Blick von der Turmspitze ein ueberragendes Panorama bieten: "Ueber das helle Haeusermeer reicht der Blick bis zu den Straenden von Deauville und weit das Seine-Tal hinauf."

 

Zusammenfassend handelt es sich bei der Église Saint-Joseph du Havre um einen aeußerlich scheinbar unkonventionellen Sakralbau, der jedoch ohne Frage in der Tradition christlicher Vermittlungsbauten steht. Es ist ein unmaßstaeblliches Bauwerk aus Stahl, Glas und Beton mit einem grandiosen Lichtspiel im Inneren.

Auguste Perret hat durch das bewusste Einsetzten des Lichts den Beton zum Leuchten gebracht und damit einen besonders starken Kontrast hervorgerufen.

 

Die Architektur von St.Joseph ermoeglicht vorbildlich: Sie erzieht den Menschen in seiner Aesthetik, in seinem Handeln und Sprechen, beruhigt seine Gedanken und schafft metaphysikalische Raeume fuer Spiritualitaet.

Inwiefern der Raum einen Raum fuer christlichen Glauben bietet vermag ich selbst nur teilweise zu erkennen, da ich zu mal in christlicher Tradition aufgewachsen, zum anderen diesem Glauben nicht faehig bin.

 

Ich glaube an die Kraft der Kunst.

 

Fuer mein Wesen spiritueller Art empfinde ich persoenlich den Sakralbau St.Joseph eher als ein monumentaler Event. Durch die Anmut des Betons; die Schoenheit des Glases und die Erhebung des Geistes: Als gelungen. Als Baukunst.

Denn was uns diese Architektur ueber Le Havre konzeptionell deutet, schaetze ich von einer besonders hohen Bedeutung: So handelt sich dabei nicht um die grazile Schoenheit, wie ein Glockenturm der Gotik. Sondern um ein Massiv - eckig; achteckig - streckt sich der Laternenturm zum Himmel und gegen das Meer - wie ein Leuchtturm.

Ein Leuchtturm der weit in die Vergangenheit scheinen mag um den Schiffen zu signalisieren: Hier in Le Havre weißt nach Zeiten von Sehnsucht und Hoffnungslosigkeit wieder ein Weg in den Hafen, in dem ihr vertrauensvoll eure Anker lichten moeget.

Denn in Le Havre ist durch die Hand Auguste Perrets aus der Asche ein Stueck Vision geworden: Ein menschenwuerdiger Umgang mit einer menschenunwuerdigen Geschichte zugunsten einer besonnen Zukunft.

 

 

 

Eine symbolische Bedeutsamkeit

die in allen Sprachen spricht.

 

 

 

Perret selbst konnte nicht mehr erleben, wie sein Gesamtkunstwerk vollendet wurde – und auch nicht die polarisierenden Stimmen hoeren, die es hervorrief. Manche deuteten eine „doppelte Zerstoerung“, doch Perret war ueberzeugt: „Mein Beton ist schoener als Stein, dessen Schoenheit die edelsten Baumaterialien uebertrifft. Er hat seine eigene Poesie“.

 

 

 

 

 

Erst 50 Jahre spaeter erhielt Perrets charakteristische Vision aus farbigen Beton die weltweite Anerkennung: Aufgrund der einheitlichen, zukunftsweisenden Architektur wurden der Stadtkern und die Kirche an der Seine-Muendung im Juli 2005 von der UNESCO als einziges Stadtensemble des 20. Jahrhunderts in die Liste des Weltkulturerbes erhoben.

Heute strebt Le Havre mit klaren Visionen von Jean Nouvel in die Zukunft.

 

Der Architekt, Bauunternehmer und Stadtplaner (* 12. Februar1874 in Ixelles in Belgien; † 27. August 1954 in Paris) studierte zwischen 1891 und 1901 bei Julien Guadet an der École des Beaux-Arts in Paris. Er beendete sein Studium jedoch ohne Abschluss.

 

Waehrend des Studiums arbeitete Perret in dem Bauunternehmen seines Vaters. Ab 1900 begann er Architektur in Eisenbeton auszufuehren. Im Buero des Stahlbeton-Pioniers arbeiteten unter anderem Le Corbusier, René Iché und Patroklos Karantinos.

 

1905 gemeinsam Perret mit zwei Bruedern das Unternehmen seines Vaters unter dem Namen Perret Frères. Das demonstrative Hervorkehren des Betonskeletts in seinen weiteren Bauwerken machte ihn zu einem entschiedenen Vertreter und Entwickler der neuen, durch die Betonbauweise moeglich gewordenen Bauformen. Seine Bauwerke verwirklichten in ihren Ausfuehrungen eine ungewoehnliche Verbindung von Stilelementen des Jugendstils und des Neoklassizismus mit gestalterisch offengelegtem. Seine ausgefuehrten Bauten weisen eine extreme Vielseitigkeit aus – ueber Einfamilien - und Apartmenthaeuser, Ateliers und Werkstaetten, Produktions- und Lagerhallen, Theater und Kirchen bis hin zur Planung ganzer Stadtteile.

 

Von 1940 an unterrichtete Perret selbst an der École des Beaux-Arts. Nach dem Kriegsende 1945 war Perret bis 1954 der hauptverantwortliche Stadtplaner fuer den Wiederaufbau von Le Havre sowie Architekt der Tour Perret in Amiens, dem ersten modernen Hochhaus Frankreichs.

Perret gilt als einer der bedeutendsten franzoesischen Wegbereiter der modernen Architektur.

 

 

Leipzig | 130613