Bild: LePaien_Kunst, Art, Architecture, Architektur, Städtebau, Architekturphotographie

 

Bei diesen drei konzeptionellen Photoserien handelt es sich um Auszuege aus der Veroeffentlichung Raum und Kognition, Konflikt und Kollektiv - Zwischenraeume in Derry | LePaien von 2015. 

 

 

 

 

 

Fassade, Fuge, Fassade, Hofeinfahrt, Fassade, Brandwand und Feld.

 

Ich sehe diese vorgespult wirkenden Ausschnitte immer wieder.

Es ist die Stadt-, Land-, Fluss-Identitaet Mitteldeutschlands, die auch Sie kennen.

 

Wir alle kennen sie vom Fahren mit der Bahn, von einem Ort zum anderen.

Wir erblicken Ausschnitte verlassener Kulissenlandschaften zwischen den vertrauten Aufenthaltsorten. Von unserer rasenden Tribuene sind wir versucht zu erblicken: Fast alle Fenster, in die wir spaehen koennten, verwehren uns den Blick in das Innere. Die Tueren scheinen seit Jahren geschlossen.

Sonst? Nur bemalte Fassade wie sie ist: Makellos, unzugaenglich, gefroren und stumm. Apathisch blicken die leeren Fensteraugen zurueck auf uns.

Doch es gelingt immer wieder in die Abstaende zwischen dem Gebauten zu schauen.

Fuer den urbanen Voyeur meiner Art ist es eine hinweisende Sequenz, die sich bietet.

 

Da ist ein Mann in Latzhose. Er schleppt eine Kiste Kram auf den Hinterhof, wo der alte Mercedes 200D schon seit langem einaeugig unter einer Plane herschaut und auf seine Reparatur wartet. An ihm hingen die Traeume, als der Mann ihnen noch Platz eingeraeumt hatte.

Zwanzig Jahre ist das schon wieder her, denke ich mir.

 

Das ist alles, was ich von ihm deuten kann: Er; der Macher in der Latzhose, sein rostiger Traumwagen und der komponierte Hinterhof voller gestapelter Kisten.

Vielleicht sind darin Abbilder seiner ehemaligen Partnerin oder Wahlplakate der letzten versaeumten Kommunalwahl - mit seinem Gesicht. Dieses zweifelhafte Grinsen und der gebuegelte Kragen und jetzt: Raus aus dem Haus, rein in den Hof. Verdrossen sortiert er Reste irgendwie ein. Es sieht ja keiner.

 

Ist der Zwischenraum ein Ort um seine Aengste und Wuensche mit sich selbst auszumachen? Es scheint, als wuerden wir Verdraengtes in den Zwischenraeumen lagern.

 

Die politisch korrekten Front-Fassaden interessieren mich dieses Mal nicht. Ich bin auf die Zwischenraeume aus; auf das, was inmitten des Gebauten resultiert. Nicht das Bekannte, sondern die Bedeutung des unscheinbaren und ignorierten Raumes interessiert mich.

Wir lesen die Stadt und finden uns anhand von Hinweisen und Zuordnungen, wie bestimmten Architekturen oder Images in den Raeumen und Grenzen zurecht. 

Dem gegenueber ist unser Lebensraum in Bezug auf die eigene Wahrnehmung aeußerst heterogen. Orten, denen wir starke Aufmerksamkeit widmen, stehen die Zwischenraeume gegenueber, die von unserem Bewusstsein geradezu ausgeblendet werden. Und doch sind sie ein intimer und elementarer Bestandteil der gebauten Umwelt.

Woher stammt die vermeintliche Irrelevanz des Zwischenraumes?

 

Bereits 2013 als ich nach Le Havre reiste um die monumentale Kirche

St. Joseph des Architekten Auguste Perret zu untersuchen, habe ich begonnen Hinterhoefe, Hofeinfahrten, bis hin zu rahmenden Brandwaenden als grandiose Kompositionen des vermeintlich Irrelevanten wahrzunehmen.

Nun bin ich mit der Bahn auf dem Weg von Leipzig in Richtung Namur, Cherbourg, London und Belfast bis nach Derry in Nordirland, um mich den ablesbaren Kodierungen auch kategorisch zu naehern.

Was haben die urbanen Abstaende, die sich als Resultat zwischen dem Gebauten auftun fuer eine gesellschaftliche Bedeutung in unseren Lebensraeumen?

 

Zwischenraum ist ein unscheinbarer Begriff. Fuer ihn ist keine konkrete Definition zu finden. In der umfassenden Brockhaus Enzyklopaedie existiert kein Artikel zu Zwischenraum. Das scheint konzeptionell. Auch die Suche nach einem expliziten Eintrag im historischen Woerterbuch der Philosophie endet undeutlich. Im Nachschlagwerk der Bildungsseite enzyklo.de findet sich:

| Zwi – schen - raum [m. 2] 1 freier Raum [zwischen zwei Personen oder Dingen], Abstand; etwas Z. lassen; der Z. zwischen den Haeusern; Zeitabstand; in kurzen Zwischenraeumen sichtbar sein, Ertoenen |.

In der Online-Ausgabe des Woerterbuchs von Jacob und Wilhelm Grimm erscheint ein detaillierterer Eintrag. Da heiszt es | 1 ) oertlich. a) der zwischen zwei Personen, Personengruppen, Koerperteilen, geographischen Begriffen oder Gegenstaenden liegende Raum bzw. deren Abstand voneinander. […]

In der Literatur finden sich wenige Werke, welche sich explizit mit dem Zwischenraum beschaeftigen. So erscheinen bei Abfrage diverser Kataloge deutscher Bibliotheken zwar mehrere Buecher, welche den Begriff im Titel oder Untertitel tragen, aber eine detaillierte Auseinandersetzung mit dem Thema findet sich selten.

 

In Werken der Literatur, Architektur und Kunst taucht der Begriff vereinzelt auf und wird je nach Autor sehr unterschiedlich beschrieben. Zum Beispiel greift eine Definition aus einem kunstgeschichtlichen Werk die auf wissen.de formulierte Deutung weitgehend auf.

Es wird von einem der Volkssprache angehoerenden Begriff geschrieben, der im Grunde bloß messbarer Raum, sonst aber an und fuer sich betrachtet, nichts sei.

Der Autor geht dabei noch einen Schritt weiter und fuehrt die Behauptung an, dass Zwischenraum der Ursprung unseres allgemeinen Raumbegriffs sei, weil er in seiner Messbarkeit absolut gesetzt, seiner urspruenglichen Beziehung auf die Dinge und der Begrenzung auf ihre drei Dimensionen enthoben wurde.

Diese Definition benutzt die Vergleichsgroeße nichts. Meiner Meinung nach gibt es das Nichts nicht. Ich denke, dass all jenes existiert, dem wir eine Eigenschaft geben. Wie bereits festgestellt wurde, werden dem Zwischenraum durchaus Charakteristiken formuliert.

 

Wenn man den zusammengesetzten Begriff Zwischenraum in seine Einzelteile differenziert, in | Zwischen | und  | Raum |, wird offensichtlich, dass ersterer leichter definierbar ist. Raum weist ein weites Deutungsspektrum auf und laesst sich dreidimensional assoziieren.

Dennoch: Die bisher aufgefuehrten Definitionen des Begriffs Zwischenraum, die auf dem Verstaendnis von Abstand beruhen, zeigen eine Tendenz zu den Bedeutungen des | Zwischen | auf.

Die Praeposition steht fuer | in der Mitte von zwei oder mehreren Dingen | und ist ein Glied des alltäglichen Sprachgebrauchs. Rueckschluesse auf den zweiten Teil des Begriffs | Raum | lassen sich wegen seiner komplexen Interpretation schwieriger beschreiben. Um aber ueberhaupt wahrgenommen werden zu koennen, muss das Dazwischenliegende selbst eine Ausdehnung haben. Es nimmt einen unspezifischen Raum ein.

Raum im Verstaendnis der Architektur meint die, in eine andere als ihre urspruengliche Richtung, auseinandergezogene Ebene. Raum ist dreidimensional, hat also Laenge, Breite und Tiefe. Diese drei Dimensionen muessen aber weder bei Abstand, noch bei Zwischenraum, zwingend vorhanden sein. So kann der Begriff | Raum | auch fuer die Beschreibung einer Flaeche dienen.

 

Zusammenfassend vertrete ich die Erkenntnis, dass Zwischenraum zu Recht nicht umfassend und generell definiert werden kann. Der Begriff kann zwar oft mit Abstand ersetzt werden, aber in ihm steckt mehr.

Es vermag das Verbundene zu trennen oder das Getrennte zu verbinden.

| Es gibt noch andere Verhaeltnisse als die Gewoehnlichen |, sagt Martin Heidegger.

Er bezieht sich zudem auf Goethe.

Dieser nennt jene | die Tieferen | und formuliert: | Im gemeinen Leben kommen wir mit der Sprache notduerftig aus. Weil wir nur oberflaechliche Verhaeltnisse bezeichnen. Sobald von tieferen Verhaeltnissen die Rede ist tritt sogleich eine andere Sprache ein: die Poetische.

Die Sprache des poetischen Stils ist in der Lage metaphorische Entschluesselungen gewoehnlicher Codierungen zu bieten und verbietet zu gleich das Recht-Haben. Ihr geht es also weniger um das objektiv Wahre. Das verdeutlicht eines ihrer Elemente: dem Gleichnis ist charakteristisch, dass etwas nicht so ist, sondern so wie. Man kann also nicht sinnvoll sagen, dass der Verfasser Recht oder Unrecht hat, sondern man laesst sich von den Gleichnissen fuehren und schaut auf die Wirkung.

 

In der Literatur etablierte Roman Ingarden 1960 den Terminus

| Unbestimmtheitsstelle | und Wolfgang Iser 1976 den Begriff | Leerstelle

Hierbei schafft der Autor Zwischenraeume, in die sich der Leser einbringen kann und dadurch zum Co-Autor, oder erweiternden Autor, wird.

In diesem Zusammenhang moechte ich auf Novalis verweisen.

Der Autor verfasst einen Inhalt, laesst aber Leerstellen offen und in diese Teile fuegt sich der Leser mit dem individuell Erfahrenen ein.

Der tatsaechliche Inhalt entsteht somit erst durch die Partizipation des Lesers.

Das offene Ende einer Geschichte ist in diesem Sinne ein typisches Beispiel.

Der Zwischenraum ist gefuellt, wenn sich jemand in die bewusst offengelassene Struktur einbringt. So zeigt sich der  Zwischenraum als ein interpretativer Raum der Erweiterung. Entsprechend ist in der Rezeptionsaesthetik formuliert:

| Der Betrachter ist immer im Werk vorgesehen.

Es bedeutet, dass sich jedes entworfene Werk; ob Lyrik, Photographie, Mural oder Architektur an jemanden richtet und sich damit Werk und Rezipient reziprok bedingen.

 

Die Konnotation des architektonischen Zwischenraumes wird oft als Raum verstanden, der von dem Architekten beabsichtigt freigegeben worden ist, sodass sich der Nutzer selbst einbringen kann.

Der Architekt plant, welche Raeume zur Entfaltung geboten werden; wie offen oder begrenzt sie formuliert werden und entsprechend welchen praktischen Mehrwert das Entworfene innehat. So wird der Nutzer urspruenglich durch den Architekten beeinflusst. Wurde der Zwischenraum in dem Entwurf nicht geplant, ist der Nutzer gezwungen sich eingegrenzt  zu entfalten.

Hertzberger nennt diese Herangehensweise | Unfertiges Bauen |. Dabei ist es eminent wichtig, dass der Planer diese Leerstellen schafft, aber auch, dass der Nutzer diese aktiviert. Er, oder eine Gruppierung, ist angehalten die unbesetzten Stellen zu nutzen und den Beduerfnissen zu gestalten. In der Folge verdeutlicht sich Identitaet. Erst mit diesem Prozess wird die Baukunst komplettiert.

 

Wir stellen fest: Die Disziplin der Architektur und jene der Literatur sind bezogen auf den partizipatorischen Zwischenraum in ihrer Wirkungsabsicht ganz aehnlich und annaehernd eines Gleichnisses interpretierbar.

 

Doch auch der staedtische Raum bietet sich als Diskurs, den es aehnlich der Lyrik, zu entziffern und zu interpretieren gilt. 

Die Deutung von begrenzten Raeumen ist also komplexer, als die alltaegliche visuelle Wahrnehmung erfahren kann. Roland Barthes hat die zeit-raeumlichen Beziehungen des staedtischen Raumes als Schrift definiert, die sich im Tieferen aeußert und interpretierbar ist: | Die Stadt ist eine Schrift; […] der Benutzer der Stadt ist eine Art Leser, der je nach seinen Verpflichtungen und seinen Fortbewegungen Fragmente der Aeußerung entnimmt und sie insgeheim aktualisiert.

Bewegen wir uns im urbanen Raum, voller Spuren und Zeichen, so befinden wir uns gleichsam in der Situation des Lesers und des erweiterten Autors, im Sinne Novalis. So ist es beispielsweise moeglich Zwischenraeume zu interpretieren und zu aktivieren, solange diese neutral und offen sind.

 

In der dritten Kategorie des Zwischenraumes stellt sich die Frage, wie sich die

| tieferen Zeichen | des staedtischen Zwischenraumes gegenueber einer anfangs beschreibenden Poetik methodisch objektivieren lassen. Um sie zeigen und wiedergeben zu koennen, muessen die lesbaren Spuren konserviert werden.

Ich nehme diese Konservierung in Form von Photographien vor. Waehrend der Exkursionen zwischen Leipzig und Nordirland bin ich auf variantenreiche Raeume zwischen dem Gebauten gestoßen. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, das Vorgefundene auf Grundlage der verfassten Theorie vertiefend zu untersuchen.

Der Betrachter ist angehalten das zitierte zu lesen, aber auch aehnlich einem Gleichnis, Rueckschluesse zu ziehen. Dabei wird zwischen der zweiten und der dritten Dimension geschaltet.

Ich thematisiere kulturelle und politische Zustaende, die im gebauten Raum verzeichnet sind. Wenn ich politisches abbilde, wie beispielsweise ein Mural, heißt es nicht, dass jenes Bild politisch ist -  genau so wenig, wie das Bild eines Kranken ansteckend ist.

Fuer mich eroeffnen die eigenen Photographien von verschiedenen Zwischenraeumen eine tiefere; poetische Inspiration, sind sie doch Teil der Analyse zum Ziel dieser Arbeit.

Wurde Zwischenraum besetzt? Welche Indizien sind ablesbar? Welche Schluesse koennen wir auf die Gesellschaft beziehen?

Auf diversen Exkursionen im Laufe des Architekturstudiums habe ich die

Photographie als ein interpretierbares und zugleich als ein denkbar gutes Abbild zugunsten einer staedtischen Lesbarkeit, zu schaetzen gelernt.

So heißt es im digitalen Lexikon der Photographie | Die Sichtweise der Architekturphotographie ist traditionell von der Zeichnung abgeleitet. Die dabei angewandte Zentralperspektive resultiert vom Standpunkt eines menschlichen Beobachters, der sich in der Umgebung des Bauwerkes bewegt.

Es ist nicht nur moeglich den Zwischenraum zu charakterisieren, sondern auch den bisherigen Umgang mit diesem zu entschluesseln.

 

Wenn Architektur und Photographie in einem Atemzug genannt werden, befindet man sich direkt in der Ambivalenz innerhalb der Moeglichkeiten von umfassender und angemessener Darstellbarkeit von Architektur.

Bedeutet es Verzicht von der dritten Dimension in die zweite Dimension zu gehen?

Fuer mich ist es eine Bereicherung Neues zu schaffen. Das Umschalten fuehrt mich zu inhaltlichen Erkenntnissen und der Betrachter erfaehrt eine Ahnung chiffreartiger Metaebenen. Entsprechend handelt es sich bei meinen Photographien nicht einzig um Abbildungen des Vorhandenen, sondern vielmehr um die Bildungen des Dahinter und des Dazwischen. Erst durch den Verzicht der dritten Dimension werden subtil Metaebenen thematisiert.

So sehr Photographie und Architektur nun also divergieren – so groß ist ihr Potenzial sich gegenseitig zu bereichern.

 

Weiterhin stellt sich die Frage: Was ist eigentlich Zwischenraum? Kann man ihn lesen? Kann man ihn spueren? Ist er die Leere zwischen dem Relevanten, oder ist er die Fuellung? Welche Bedeutung hat er als zwischenmenschlicher Abstand? Wie politisch kann dieser Raum sein?

Zwischenraum ist ein dehnbarer; ein unscheinbarer Begriff. Oft muss man den Zwischenraum suchen. Findet man ihn, ist man ueberrascht, wie wichtig er ist.

 

Neben der entwurflichen Absicht, ist es meine kreative Intention den Rezipienten ueber drei konzeptionelle Serien entlang eines roten Fadens hin zum eigentlichen Thema zu fuehren: Den Raeumen zwischen uns und was sie im staedtischen Kontext transportieren.

 

Diese scheinbar willkuerlichen Kompositionen haben ihrer eigene meist rationell funktionale Aesthetik. Der visuelle Code besteht einzig aus den Hierarchien bauelementarer Regimes, die aus dem gebauten Pluralismus resultieren.

Der abgefallene Putz, der nackte Backstein,  Stahladaptionen, die von den Giebeln ragen, sowie rahmende Zaunelemente sind komponierte Einheiten in der zwischenraeumlichen Vielfalt.

Objektiv analysieren wir zuerst rahmende Konturen und dimensionale Verflechtungen, sodann oberflaechliche Texturen und schließlich die Spuren der Akteure und die Zeichen der Zeit. In den Zwischenraeumen wird immer wieder auch archiviert. Das Vorgefundene unterscheidet sich einzig durch oberflaechliche Vielfalt innerhalb der konzeptionellen Einheit. Die Syntax findet sich zwischen den aesthetischen Ordnungsprinzipien und einem inhaltlich ablesbaren. Vom neutralen Schutzraum, ueber den geschlossenen und besetzt-wirkenden Raum, bis hin zum ideologisch konnotierten Zwischenraum ergibt sich eine diplomatische Bandbreite.

Beispielsweise entdecken wir offene Hofzugaenge in den Benelux Staaten und Frankreich, verbarrikadierte urbane Fugen in Belfast und London, bis hin zu populistischen Zeichentraegern an den Brandwaenden in Derry – dem Zentrum des nordirischen Konfliktes.

Die vorgefunden Zwischenraeume geben Antworten und stellen Fragen: Sind diese Raeume und Flaechen Sinnbild eines ignorierten Teiles unseres Kollektivbewusstseins?

Wie Zwischenräume ein Ort der Erweiterung sind, scheinen sie auch immer wieder als ein Ort des Verdraengten.

Kann das was zwischen dem Gebauten resultiert Indizien fuer gesellschaftliche Konflikte bieten und gegebenenfalls auch zur Konfliktbewaeltigung beitragen?

Die Photographie dient mir als ein analytisches Mittel, um visuelle Divergenzen und kodierte Affinitaeten thesenhaft zu charakterisieren.

 

Im Folgenden moechte ich den theoretischen Erkenntnissen drei konzeptionelle Photoserien von staedtischen Zwischenraeumen gegenueberstellen.

 

 

 

 

 

 

Photoserie I - Offene Zwischenraeume in Kontinentaleuropa | Auf den ersten Blick zeigt der Zwischenraum, neben einer rein profanen Funktion, einen politisch korrekten Abstand zum naechsten Haus: Eine scheinbar banale Pufferzone, damit die Haeuser, in Reih und Glied Ein- und Ausatmen koenen.

In der staedtischen Struktur trennt der Zwischenraum das Verbundene.

Oft wirkt er wie eine Narbe, die auf vergangene Eingriffe in der staedtischen Historie hinweist. Auch von Innen wirkt er im Gegensatz zur repraesentativen Fassade ungeschmueckt, verletzlich und doch authentisch. Er darf sein wie er ist: Er wird ignoriert und scheint zugleich kommentarlos akzeptiert. Der Zwischenraum ist der Outsider neben den Wohnhaeusern, Alleen und Plaetzen.

Doch an einem Ort der Erweiterung sollte man sich Zeit fuer den zweiten Blick nehmen.

Ist der urbane Zwischenraum eine moderne Hoehle; ein Rueckzugsort?

Die Imagination sich im Alltag hierhin zurueckzuziehen mag befremdlich wirken. Nachvollziehbar ist dieses Motiv allerdings assoziativ durch alltaeglich medial vermittelte Bilder von Haeuserkaempfen in Krisengebieten.

Er fungiert vorstellbar als neutraler Schutzraum von temporaerer Dauer.

Hier gilt der Zwischenraum als ignorierter und irrelevanter Raum. Zumeist durch einen Rahmen aus Brandwaenden geschuetzt, bietet er sich als Fluchtpunkt an.

Solange Zwischenraeume zugaenglich sind, wirken sie neutral auf den Passanten. Sie geben uns Raum fuer temporaere Interpretationen.

Die zugrunde liegenden Intentionen sind nie zweifelsfrei – wir vermoegen nur Indizien gleich eines poetisch Tieferen zu lesen; aehnlich eines Gleichnisses zu interpretieren. Dies geschieht mit der Gewissheit, dass es nicht mit Recht entsprechend sein muss, aber so sein kann.

Was ist hier passiert? Was wird hier passieren? Fragen bleiben offen.

Die offenen Raeume, die zwischen dem Gebauten resultieren bieten sich immer wieder als Orte der Erweiterung – ganz aehnlich wie im theoretischen Teil zuvor beschrieben.

 

In diesem ersten Schritt sind wir weiterhin angehalten Variationen von offenen Zwischenraeumen zu lesen und zu interpretieren.

 

 

 

 

 

 

Photoserie II - Geschlossene Zwischenraeume in Kontinentaleuropa | In der Moderne wie in der Postmoderne war die Kunst nicht nur durch Freiheit im Erschaffen gekennzeichnet, sondern oft durch radikale Begrenzungen. 

 

Je weiter ich gen Norden reise, desto oefter treffe ich in den Staedten auf geschlossene Zwischenraeume. Ich definiere jenen Raum, indem ich von diesem deutlich ausgegrenzt werde und nur teilweise einsehen kann.

Der Betrachter wird von Photographie zu Photographie entlang von Mauern und Zaeunen gefuehrt. Es sind Versuche des Ausspaehens. So konzentriert sich der Blick immer wieder durch einen erhobenen Standpunkt, versuchend, ueber die Barrikaden hinweg. Doch wir bleiben gezwungen von außen das Innere zu erahnen. Mit der Ambition eines Voyeurs, der das zu betrachten vermag, was ihm fuer gewoehnlich fern ist, konstruieren wir Identitaeten des Erfahrenen.

Im Gegensatz zum neutralen Zwischenraum erscheint der geschlossene Zwischenraum introvertiert. So ist seine eigentliche Funktion zumeist lediglich zu erahnen. Der Selbstzweck des geschlossenen Zwischenraums ist die Isolation. 

So sind der Zaun und die Mauer Sinnbilder der territorialen Grenzerfahrung mit besonderer Eindeutigkeit. Die potenziellen Fluchtraeume grenzen nun aus.

Die Ambivalenz der Grenze oeffnet sich zur Grenzueberschreitung.

In der Ritualforschung werden drei Stufen des Uebergangs definiert:

| Aus dem sicheren Ort eines Gewohnten wird der Einzuweihende in einen neuen Ort des Gewoehnenden und bald Gewohnten ueberfuehrt. Dazwischen liegt die liminale- oder Schwellenphase, der Uebergang. | Dieser Uebergang ist emotional gekennzeichnet und als ein einsamer Ort definiert | Es ist eine Grenzerfahrung durch Grenzueberschreitung.

 

Die Voraussetzungen fuer einen diplomatischen Raum scheinen gegeben, wenn dieser temporaer nutzbar ist und nicht geschlossen wird. Wenn nicht mal mehr der Zwischenraum Platz bietet um abseits der gebauten Hierarchie alternativ zu denken oder zu handeln, welcher Ort kann diese Diskurse so dann ermoeglichen? Ich denke, nicht einer.

 

 

 

 

 

 

Photoserie III – Ideologische Zwischenraeume in Derry, Irland | Retrospektiv ist die Bauweise der zum groeßten Teil zweigeschossigen Gebaeude charakteristisch fuer die Bausubstanz Derrys, einem der Zentren des nordirischen Konfliktes. Außerhalb der historischen Altstadt bestehen die typischen Quartiere der Arbeiterschaft aus monotonen Riegeln. Die meisten staedtebaulichen Strukturen sind durch Reihenhaeuser gestaltet. Ihre Kopfteile schließen mit Brandwaenden ab, die bis zum angrenzenden Riegel Zwischenraeume bilden. Diese Raeume scheinen schlicht zu resultieren. Sie sind einsehbar, zugaenglich und doch besetzt.

 

Neben den offenen und geschlossenen Zwischenraeumen bildet sich in Derry eine dritte Kategorie, die ich auf meinen Exkursionen nur hier finden kann: Die ideologischen Zwischenraeume.

Jene Zwischenraeume in Derry wurden durch kommunikative Zeichentraeger aktiviert. Mit einer raeumlichen Strahlkraft wirken die flaechigen Projektionen in den Stadtraum. Sie sind eine offensichtliche Grenzziehung und Inbesitznahme des staedtischen Raumes. Diese Wirkung wird durch politische Wandbilder, die sogenannten Murals erzeugt.

 

Der englischer Kunsthistoriker John Ruskin galt mit dem Gedanken, eine Stadt dahingehend zu lesen, welche Gesellschaft in den Bauten Gestalt annahm, als innovativ. Wie sich eine Gesellschaft definiert und sich selbst ausdrueckt ist laut Ruskin in dem Dekor des Gebauten verfasst. Wir verstehen Dekor in diesem Sinne als Zeichentraeger.

Nach Ruskin handelt es sich bei den Darstellungen nicht um bloße Abbildungen, sondern geht es sehr viel mehr um das Ablesen sozialer Umstaende, die sich auf dem Gebauten auspraegen. So sind auch die ideologischen Malereien in Derry im Hinblick auf ein soziokulturelles Selbstverstaendnis zu entziffern.

 

In Bezug auf den kollektiv verdraengten Komplex einer Gesellschaft, den ich bereits thesenhaft formuliert habe, zeugen die Murals in Derry weniger vom staedtischen Freiraum in der Stadt, als mehr vom fehlenden diplomatischen Raum im kollektiven Diskurs. Sie erscheinen als genutzte Fluchtraeume bestimmter radikaler Gruppierungen und sie sind Ausdruck des nordirischen Konfliktes. Die Wandmalereien sind also nicht einzig eine Vereinnahmung des Ortes, wie es durch Tagging-Techniken des Graffiti die Absicht ist. 

So handelt es sich vielmehr um kommunikative Zeichentraeger, die aufgrund ihrer ideologischen Ladung Teil einer komplexen gesellschaftlichen Gedaechtnislandschaft sind. In Derry finden wir das kollektiv Verdraengte in den Zwischenraeumen. Es aeußert sich radikal.

 

Im Folgenden moechte ich die Erkenntnisse, die ich auf den Exkursionen durch Deutschland, Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Nordirland und dem Vereinigten Koenigreich entwickelt habe, zusammenfassen.

Es hat sich gezeigt, dass sich der staedtische Zwischenraum, als ein Ort der Erweiterung, kategorisch differenzieren laesst.

Ich habe offene, geschlossene und ideologisch aktivierte Varianten vorgefunden. 

Die Aktivierung eines bisher irrelevanten Raumes ist zumeist Ausdruck einer oft illegalen, zumindest unueblichen, Handlung. Die Kommunikation einer Botschaft ueber angebrachte Zeichentraeger in einem solchen Raum ist eine extreme Form einer spezifischen Mitteilung. Es ist die Fuellung einer Leere.

In den ideologisch aktivierten Zwischenraeumen Derrys werden wir als Leser sehr viel konkreter informiert, als durch die ersten zwei Kategorien, die offenen oder geschlossenen Zwischenraeume.

Der Nutzen eines gerahmten Schutzraumes bzw. Fluchtraumes geschieht aus einem noetigen Beduerfnis heraus. Auch die Verdraengung in einen Zwischenraum ist eine Art der Erweiterung.

Das besondere einer solchen Art der oeffentlichen Mitteilung liegt in dem Potenzial, dass der unbekannte Verfasser, trotz moeglicher radikalen oder politisch inkorrekten Aeußerung, keine Konsequenzen fuerchten muss.

 

Anders ausgedrueckt bietet sich der offene Zwischenraum optimal an, um durch all jenes angeeignet zu werden, fuer das der gesellschaftliche Diskurs scheinbar keinen Platz bietet, da ihm jener aufgrund fehlendem diplomatischen Freiraums nicht eingeraeumt wird.

Der Zwischenraum bietet sich somit scheinbar als ein Ort des Verdraengten.

Die Faehigkeit zu Verdraengen ist ein essentielles Werkzeug zur Selbsterhaltung. Psychologisch wie auch kulturell dient die aehigkeit dem Erhalt und der Bestaetigung der eigenen Identitaet.

 

 

 

 

 

 

Bei diesen drei konzeptionellen Photoserien handelt es sich um Auszuege aus der Veroeffentlichung Raum und Kognition, Konflikt und Kollektiv - Zwischenraeume in Derry | LePaien von 2015. 

Um die gesamte Arbeit zu studieren, wenden Sie sich an Kontakt@LePaien.de

Um die weiterfuehrende architektonische und staedtebauliche Arbeit auszugsweise zu begutachten schauen Sie hier vorbei.

 

Zwischenraeume | nominated, Archiprix International / Hunter Douglas Awards, CEPT, Ahmedabad, IND 2017

Zwischenraeume | nominated, Archiprix Germany, Bauwelt, GER 2017

Zwischenraeume | nominated & prized, Foerderpreis der HTWK, Leipzig, GER 2015